Kulturprozesse sind nicht planbar

Horst Harnischfeger

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


In der Geschichte der Auswärtigen Kulturpolitik (AKP) in Deutschland wurde immer wieder der Ruf nach einer Evaluation in diesem Politikfeld laut. Aber er wurde nicht gehört, schien doch mit der Kameralistik ein Instrument gegeben, mit dem die Ministerien eine hinreichende Kontrolle über die Verwendung der Mittel hatten. Dabei werden die Zuschüsse im Haushaltsplan für jeweils ein Jahr in ein detailliertes System der Zweckbestimmungen (von Büromaterial bis Musikveranstaltungen) gegliedert. Der Zuwendungsempfänger darf (von unterschiedlich großen Margen abgesehen) die Ausgabenansätze nicht überschreiten. Nach Wirtschaftlichkeit oder Effektivität der Mittelverwendung wird in diesem System nicht gefragt. In den letzten Jahren ist insofern eine neue Lage eingetreten als die Geld gebenden Ministerien dabei sind, die Kameralistik zugunsten einer Budgetierung zu verlassen. Danach erhält der Zuwendungsempfänger eine Gesamtsumme für das jeweilige Haushaltsjahr und wird verpflichtet, mit diesem Geld bestimmte vereinbarte Ziele zu erreichen. Dies zwingt die beteiligten Geldgeber und Mittlerorganisationen zu einer Definition der Ziele und zur Entwicklung eines Instrumentariums, mit dem deren Erreichung gemessen werden kann. Die zentrale Idee bei der Budgetierung besteht darin, dass dadurch die wirtschaftliche Effizienz der eingesetzten Mittel erheblich gesteigert werden kann. Es gibt dabei zwei Probleme, die bisher nur in Ansätzen gelöst sind: Die Definition der Ziele und die Festlegung der Instrumente, mit denen ihre Erfüllung gemessen werden sollen. In diesem Feld lauern eine Reihe von Schwierigkeiten, ja sogar Fallen: 


 Die abstraktesten Ziele (zum Beispiel „das Ansehen Deutschlands“) können als Gegenstände in einer Evaluation gemessen werden. Nur sind die Einflussfaktoren bei diesem Gegenstand der Messung so zahlreich und komplex, dass eine ursächliche Zurückführung einer Veränderung auf die AKP nicht möglich erscheint. Anders als beim naturwissenschaftlichen Experiment können im gesellschaftlichen Leben Einflussfaktoren nicht ausgeschlossen werden. Deshalb gehen die Ministerien und Mittler mit Recht den Weg, Ziele auf einer niedrigeren Ebene der Abstraktion zu definieren. Aber auch hier kann man in gefährliche Zirkelschlüsse geraten. Sie bestehen darin, dass bei der Formulierung von Zielen deren Messbarkeit schon mitgedacht wird. Auf der zweiten Abstraktionsebene könnte etwa das Ziel „Förderung der deutschen Sprache im Ausland“ erscheinen. In der nächsten Abstraktionsstufe könnte „Vermehrung der Teilnehmer an Sprachkursen des Goethe-Instituts“ stehen. Die lassen sich zwar leicht zählen, doch ist nicht ausgemacht, dass ein solcher „Erfolg“ auch dem abstrakteren Ziel wirklich dient. Trotz dieser nicht auszuräumenden Schwierigkeiten sollte in dem Bemühen, die zu verfolgenden Ziele möglichst klar zu definieren, ein wesentlicher Fortschritt gegenüber den bisherigen Praktiken gesehen werden. 


 Hinsichtlich der Evaluationsmethoden sollte von einem weiten Feld der Möglichkeiten ausgegangen werden, um eine aussagekräftige Pragmatik zu entwickeln. Insbesondere sollte man bei kulturellen Projekten eine Evaluation im sozialwissenschaftlichen Sinne, bei der Zahlen als einzig entscheidendes Erfolgskriterium gelten, vermeiden. Bewertungen im kulturellen Bereich sollten keine reine Kosten-Nutzen Abwägung sein, bei der Teilnehmer oder Publikum hinsichtlich ihrer Erfahrungen oder Einstellungen befragt werden, die durch die Aktionen der AKP verursacht sind. Viel wichtiger ist die regelmäßige Beobachtung der Aktivitäten auf Basis von Indikatoren, die unmittelbar von den Mittlerorganisationen eingesetzt werden (Teilnehmerzahlen, Intensität von Kursen, Medienberichte vor, während und nach kulturellen Ereignissen, Teilnehmerbefragung). Da die interne Beobachtung und Berichterstattung gegenüber den Geldgebern nicht die alleinige Evaluationsmethode bleiben kann und die sozialwissenschaftlichen Untersuchungen langwierig und teuer sind, sollte auch häufiger auf externen Sachverstand zurückgegriffen werden. Die in den Hochschulen weithin angewandten und inzwischen bewährten Methoden der Evaluierung durch „Peers“ könnte auch im Bereich der AKP genutzt werden, indem etwa das Kulturprogramm eines Instituts im Ausland von sachkundigen Personen aus diesem Land bewertet wird. Bei allen Bemühungen um Evaluationen darf nicht übersehen werden, dass alle Programme und Einrichtungen auf Menschen bezogen sind, die sie nutzen und mit ihnen zusammenwirken. Es hängt von deren freien Willen und spezifischen Interessenlage ab, was sie daraus machen. Erst infolge dessen kann etwas Positives für Deutschland entstehen – oder eben auch nicht. Als Akteure in diesem Bereich sollten wir bescheiden bleiben und wissen, dass wir einer für die Empfänger guten Sache dienen, die vielleicht auch gut für das Land ist. Mit Evaluationen aller Art können keine Garantie und keine in Zahlen auszudrückende Erfolgsbilanz geliefert werden, wohl aber eine ständig erneuerte und verbesserte Aktionspalette.



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