Abgestempelt

von Abbas Khider

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Früher reiste man in einer Kutsche, oder ritt auf dem Pferd, einem Kamel oder einem Esel. Heute aber benutzt man ein Fahrrad, Motorrad, Auto, Schiff oder Flugzeug. Die Schnelligkeit ist das Markenzeichen der modernen Welt, der allgemein gültigen Vorstellung, die Welt sei ein kleines Dorf. Das lernen unsere Kinder heutzutage bereits in der Grundschule. Aber, was man ihnen nicht beibringt: Diese Schnelligkeit gilt nicht für alle Menschen, und die langsame Zeit der Schildkröte gibt es auch noch im 21. Jahrhundert. Diese Zeit kennt der Westteil der Erde nicht, sondern nur der Osten. Aber wie kommt das?

Ganz einfach. Wenn zum Beispiel ein Deutscher nach Osten umziehen will, fliegt er einfach dorthin. Die Reise dauert normalerweise einige Stunden. Ein Iraker braucht aber normalerweise einige Jahre, wenn er nach Westen umziehen will. Warum? Der Deutsche lebt in der Zeit der Schnelligkeit, der Iraker in der Zeit der Schildkröte. Die Zeit der Schnelligkeit kennt jeder im Westen. Sie funktioniert mit Pass, Visum und Fahrkarte. Aber in der Zeit der Schildkröte ist das nicht so einfach.

Ein Iraker hat seit 1980 keine Möglichkeit, einfach einen Pass zu bekommen. Unter dem Saddamregime von 1980 bis 1991 durfte ein normaler Iraker nicht reisen. Das wollte die Regierung so, damit alle beim Militär dienten. Reisepass war damals ein Fremdwort in der irakischen Alltagssprache. Ab 1991 dann durfte ein Iraker zwar einen Pass haben, aber die irakische Regierung verlangte eine Million Dinar, etwa 1.000 US-Dollar als Verwaltungsgebühr für einen Pass. Damals war das für einen Iraker ein Vermögen. Trotzdem haben sich viele einen Pass besorgt, um nötigenfalls aus dem Irak fliehen zu können. Ab 1991 konnte ein Iraker ein Visum bekommen, aber nur für drei Länder: Jemen, Libyen und Jordanien. Andere Länder wollten einfach kein irakisches Gesicht sehen. Das elende Leben der Iraker in den benachbarten arabischen und afrikanischen Ländern zwang sie, weiter nach Westen zu fliehen. Ohne Visum, also illegal.

Solche Reisen dauern mit dem Flugzeug einige Stunden, illegal aber Jahre. Auf dem illegalen Weg gibt es zwei Möglichkeiten im Angebot der Schlepper: Mit viel Geld erreicht man das Zielland schnell per Flugzeug. Mit wenig Geld muss man zu Fuß durch die halbe Welt reisen. Die Mehrheit hat üblicherweise nicht viel Geld also geht es zu Fuß von Ost nach West.

Seit 2003 kann ein Iraker einen neuen irakischen Pass beantragen. Dieser Pass wird aber von vielen Staaten nicht anerkannt, angeblich weil er nicht fälschungssicher ist. Aber die irakische Regierung kann in dem Chaos von US-Truppen und Terrorgruppen nicht für alle Iraker einen neuen Pass ausstellen. Außerdem geben 99 Prozent der Länder der Erde einem Iraker sowieso kein Visum. Also, weiterhin illegal und zu Fuß.

All dies erleben die Iraker in der Zeit der Schnelligkeit. Oder der Schildkröte? Ich war auch einer von ihnen. Nach vier Jahren Reise landete ich als Asylbewerber in Deutschland. Ich bekam eine Aufenthaltsgenehmigung und einen blauen Pass mit dem Vermerk: „Heimatlos“ und „gültig für alle Länder außer Irak“. Ich war froh, endlich einen Pass zu haben, mit dem ich mich frei bewegen konnte. Aber dieser Pass machte mich doch nicht ganz frei. Vor allem nicht in Bayern. Immer wenn die bayerischen Polizisten diesen Pass sahen, musste ich eine lange Liste von Fragen beantworten: „Was machen Sie hier? Wo wohnen Sie? Was machen Sie beruflich? Woher kommen Sie gerade…“

In Passau, wo ich einige Monate lebte, wurde ich mehrere Male durchsucht und kontrolliert, besonders in der Nähe des Hauptbahnhofs. Ein Polizist, der mich bereits mehr als zehn Mal kontrolliert hatte, kannte mich im Laufe der Zeit schon sehr gut. Einmal wollte mich ein anderer Polizist kontrollieren. Mein „Privatpolizist“ kam dazu: „Lass ihn in Ruhe! Den kennen wir schon!“ Aber in München habe ich keinen Bekannten bei der Polizei. München ist eben größer als Passau. Deswegen muss ich jedes Mal dieselbe Liste von Fragen beantworten. Es ist nicht empfehlenswert, in der Nähe des Hauptbahnhofs oder im Stadtzentrum allein als Schwarzhaariger, mit braunem Gesicht und schwarzen Augen spazieren zu gehen. Es ist jederzeit möglich und wahrscheinlich, dass dich an der nächsten Ecke ein Polizist kontrollieren will. Und das dauert immer zwischen 15 und 30 Minuten und manchmal will er sogar deine Unterwäsche kontrollieren. Dasselbe geschieht auch in anderen Ländern, ob in europäischen oder arabischen.

Auf Urlaubsreise in Damaskus musste ich am Flughafen ebenfalls eine lange Liste von Fragen beantworten und dazu zwei Stunden auf dem Revier der Sicherheitspolizei warten. Andere Länder erlaubten keine Einreise mit dem blauen Pass, wie Ägypten und die gesamten Golfstaaten. Gleiches gilt für alle osteuropäischen Länder. Damals hatte ich das Gefühl, man könne nirgendwohin, weil die Welt wie „ein kleines Dorf geworden ist“, so eng, dass man nirgendwohin umziehen kann.

Endlich aber, nach langem Papierkrieg mit den deutschen Behörden, bekam ich die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich machte dann meine erste Reise mit meinem neuen deutschen Pass. Ich hatte eine Einladung vom „Zentrum der Kulturen“ in Kopenhagen bekommen, um dort bei einer irakischen Kulturwoche Gedichte zu lesen. Ich kaufte ein Flugticket nach Kopenhagen mit Umstieg in Zürich. Ich reiste ohne jegliches Problem. Die Polizei in der Schweiz und in Dänemark hat meinen deutschen Ausweis gesehen und mich einfach per Handzeichen durchgewunken. Bei meiner Rückkehr landete ich auf dem Flughafen München. Der Polizist schaute erst meinen Ausweis, dann mein Gesicht an. Er starrte auf seinen Computerbildschirm und suchte fieberhaft. Wahrscheinlich dachte er, es gäbe einen Fehler im gesamten deutschen System. Die Leute in der Warteschlange hinter mir wandten sich inzwischen einem anderen Schalter zu. Eine halbe Stunde später gab mir der Beamte wortlos meinen Ausweis zurück. Wenigstens musste ich keine Fragen beantworten.

Der deutsche Pass, stellte ich fest, ist wichtig für mich, wenn ich außerhalb Deutschlands unterwegs bin. Innerhalb Deutschlands veränderte er nicht viel in meinem Leben, besonders wenn es um Polizeikontrollen geht. Vor Kurzem kehrte ich nach einem kleinen Aufenthalt in Berlin mit dem Zug nach München zurück. Am Hauptbahnhof München, am Bahnsteigende kurz vor dem Ausgang standen zwei Polizisten.

„Ausweiskontrolle! Ihren Ausweis bitte!“ 
 Ich suchte in meinem Geldbeutel. 
 „Woher kommen Sie gerade?“, fragte mich der erste.
 „Aus Berlin!“
 Der zweite nahm meinen Ausweis, trat einige Meter zur Seite und betrachtete ihn genau. Dann telefonierte er.
 Währenddessen fragte der Erste: „Sprechen Sie Deutsch?“
 „Klar!“
 „Wieso, klar?“
 „Wenn ich Ihre Fragen beantworten kann, dann heißt das doch, dass ich Deutsch kann, oder nicht? Außerdem bin ich deutscher Staatsbürger.“
 „ Ach so!“ 
 Der zweite kam zurück und gab mir den Ausweis zurück. „Danke! Sie können gehen!“

Ich ging und hörte hinter mir lautes Lachen der beiden Polizisten. Vielleicht amüsierten sie sich über den schwarzhaarigen Deutschen mit dem lustigen ausländischen Akzent? Eigentlich habe ich kein Problem damit, dass mich deutsche Polizisten auslachen. Mein Problem liegt vielmehr darin, dass ich letztlich nur einen Wunsch habe: einen Monat in meinem Leben, in dem ich nicht von der deutschen Polizei nach meinem Ausweis gefragt werde. Für mich ist das kaum vorstellbar! Ich glaube, ich werde diesen Monat niemals erleben!

Trotz allem bin ich froh, dass ich nun zumindest im Ausland keine Probleme mehr habe, dass ich nicht mehr in die Zeit der Schildkröte gehöre, dass ich einfach keinen größeren Ärger mit den Beamten der Ausländerbehörde habe und mich den philosophischen Fragen der deutschen Polizei stellen muss. Stattdessen sehe ich mich einer neuen Situation gegenüber, von der ich nicht weiß, wie ich sie nennen soll. Am treffendsten wohl einfach „Idiotismus unserer heutigen Welt“.

Ich bekam eine Einladung von einem Freund. Wohin? Nach Israel! Mein Freund ist Israeli und kam auf die für mich sehr verlockende Idee, ich könne einige Wochen bei ihm in Tel Aviv verbringen. Ich freute mich riesig, endlich Israel und Palästina besuchen zu dürfen. Früher, mit meinem irakischen Pass, war das ein Ding der Unmöglichkeit. Mit dem deutschen Pass dagegen kein Problem, dachte ich. Ich habe viele Bekannte in Israel. Die meisten sind Autoren und Journalisten. In Tel Aviv, so hörte ich, gibt es ein Viertel, wo fast nur irakische Juden leben und zahlreiche irakische Geschäfte und Cafés sind.

Und trotzdem kann ich nicht dorthin fliegen. Warum? Wegen der Stempel! Die israelische Flughafenpolizei würde nämlich meinen Pass mit einem Ein- und Ausreisestempel versehen, so wie das bei allen deutschen Besuchern üblich ist. Das hieße aber, für den Fall, dass ich anschließend einmal in den Irak oder ein anderes arabisches Land reisen sollte, dass ich dort ganz schnell und einfach eingesperrt werden könnte und man mir unterstellen würde, für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. Bis sie dann feststellen würden, dass ich ein ganz normaler Mensch bin und keineswegs ein Spion, könnte das schon ein paar Monate dauern. Ebenso könnte es mir in umgekehrter Weise auch in Israel oder den USA mit einem arabischen Stempel ergehen. Also rief ich meinen israelischen Freund wieder an. Er meinte, dass es außerdem noch ein Problem gäbe.

„Was für eins denn?“ „Die Flughafenpolizei wird dir sicher eine Menge Fragen stellen. Du hast zwar einen deutschen Pass, aber das heißt noch lange nicht, dass du ein normaler Mensch für sie bist. Dein Name ist arabisch. Dein Geburtsort ist Bagdad. Dein Aussehen! Und dann noch mit deutschem Pass! Das alles auf einmal ist für die Beamten und Polizisten bei uns zu viel!“

Also verzichtete ich auf die Einladung und beschloss, auf eine neue Welt zu warten, in der wir keine Stempel brauchen. Dann werde ich alle Länder besuchen, die ich heute – wie viele andere Menschen – nicht so ohne Weiteres sehen kann. 



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