„Hitler, Merkel, Schumacher“

ein Gespräch mit Fan Rong

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Herr Fan, welches Bild haben die Chinesen von uns Deutschen?

Bei 1,3 Milliarden Menschen kann man das natürlich nur schwer verallgemeinern, aber im Grunde sind die Deutschen nach Meinung der Chinesen gewissenhaft, fleißig und ordnungsliebend. Allerdings gelten sie auch als unromantisch.

Welche Deutschen sind in China am prominentesten?

Ich habe Shanghaier Studenten nach den ihnen fünf bekanntesten Deutschen gefragt. Mit 20 Prozent lag Adolf Hitler auf Platz 1, gefolgt von Angela Merkel und Michael Schumacher. Karl Marx kam auf den vierten Platz und mit knapp drei Prozent folgte Goethe. Die Chinesen verbinden mit Deutschland den Zweiten Weltkrieg, tolle Autos, Bier und Fußball.

Das sind ja die bekannten Deutschland-Klischees.

Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass Chinesen zwar wenig über Deutschland wissen, aber trotzdem ein sehr positives Bild vom Land haben.

Woran liegt das?

Zwar können neuerdings Chinesen auch ins Ausland reisen und vor allem die Leute in den Küstengebieten Ostchinas haben zunehmend Kontakt mit Ausländern. Trotzdem wird das Bild immer noch stark durch die offiziellen Medien geprägt.

Die Medien stellen Deutschland also gewollt positiv dar?

Ich kann nur für die offiziellen Medien sprechen, das Internet habe ich nicht ausgewertet. Da findet man heute einfach zu viele Beiträge. Die Volkszeitung, mit zwei Millionen Lesern auflagenstärkste Tageszeitung des Landes, spiegelt durch die Nähe zur Regierung die offizielle Politik und Sicht der Regierung wider und prägt so auch die Bürger.

Mit welchen Darstellungen beeinflussen die Medien das Deutschland-Bild der Chinesen?

Es wird sehr viel und regelmäßig darüber berichtet, wie Deutschland seine Vergangenheit aufarbeitet. Daher ist Hitler der bekannteste Deutsche in China. Unabhängig davon, wird diese Vergangenheitsbewältigung bei uns sehr positiv bewertet und diente in den letzten Jahren als Argumentation gegenüber Japan. Japan arbeitet seine Vergangenheit nicht so klar auf, und so wurde Deutschland als Vorbild präsentiert.

Wirkt dieses Vorbild auch auf den chinesischen Umgang mit der eigenen Geschichte?

Die Aufarbeitung der Geschichte ist in China heute noch ein schwieriges Thema. Differenzierte Meinungen zu Mao Zedong zum Beispiel sind nicht mehr verboten. Allerdings gilt nach wie vor der Grundsatz, dass er und seine Zeit zu 70 Prozent positiv und 30 Prozent negativ bewertet werden. Die deutsche Vorbildfunktion gilt somit also vor allem im Umgang mit anderen Ländern.

Die Darstellung hat also politische Hintergründe.

Das kann man so sagen. China strebt global eine multipolare Welt an und braucht dabei starke Partner. Da Europa, vor allem Deutschland und Frankreich, ähnliche Ansichten vertreten, hat China großes Interesse an guten Beziehungen zu diesen Ländern. Und deshalb werden diese Länder auch positiv in den chinesischen Medien dargestellt.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, bevor Sie das erste Mal hergekommen sind?

Für mich war Deutschland ein weltweit führendes Industrieland. Aber als ich das erste Mal herkam, war ich sehr erstaunt von der Landschaft und der Landwirtschaft. Man sah kaum Spuren von Industrie, und die Landschaft wurde so schön gepflegt – damit hatte ich nicht gerechnet.

Das Interview führte Falk Hartig



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