Das Spiel ist aus

von Roger Willemsen

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Welche Leichtigkeit? Die des 18. Jahrhunderts? Da sitzt Casanova in der Kutsche einer Fremden gegenüber. Gerade hat sie ihr Baby von der Brust genommen, dabei ein wenig Muttermilch verspritzt. Casanova springt hinzu, leckt die letzten Tropfen ab, und alle lachen über die anmutige Szene. In den USA stünde heute ein Schild im Garten des Mannes: „Vorsicht! Hier wohnt ein Sexualstraftäter!“

Friede den Brüsten also, mit denen die Leichtigkeit oft zu tun hatte. Barbusig führt die Freiheit auf Delacroix’ berühmtem Revolutionsgemälde das Volk an, barbusig demonstrierten die Frauen der Studentenrevolte in Deutschland und Frankreich den Zusammenhang von Freiheitskampf und Libertinage. Heute schafft es der Busen nur noch in die Mammografie-Geschichten der Magazine, und der einzige Geist, den er repräsentiert, ist der der Medizinalien und der Körperkultur. Freiheit umweht ihn nicht.

Eigentlich existierte die Leichtigkeit zwischen den Geschlechtern vor allem zu der Zeit, da man um sie kämpfte. Luis Malles’ „Viva Maria“ war ein revolutionsromantischer Film um zwei befreite Frauen, personifiziert von Brigitte Bardot und Jeanne Moreau, dann wurde der Filmtitel Name einer politischen Aktivistengruppe der Linken. Der Transfer vom Kino in die Realität schien bruchlos. Die Kultur wirkte noch ansteckend.

Heute ist das Sexuelle erschöpft, auspalavert. Die Tabus gebrochen, die Demarkationslinien geschleift, alles gestanden, alles versucht, und die Diskussionen um das Geschlechtliche im Geschlechterverhältnis haben sich in Comedy und Frauenzeitschriften zurückgezogen. Mann und Frau stehen sich pragmatisch gegenüber, investieren in Gefühle und in das, was sie nicht zufällig „Partnerschaft“ nennen, schließen Eheverträge und verteilen die Rollen, für Lebensabschnitte zumindest. Und weil die Stärke der Frauen, die sich in dieser leidenschaftslosen Ebenbürtigkeit spiegelt, Männer besorgt macht, sind vor allem sie es, die die Scheindebatten um konservative Muttertiere führen und von Zeit zu Zeit eine Eva Herman durchs Dorf jagen. Wenn man will, ist dies das letzte Nachbeben gehabter emanzipatorischer Bedrohung: Die konservative Publizistik drängt Frau und Familie wieder in den geistigen Horizont einer Margarine-Reklame, doch sie will nicht passen.

Unmöglich, in den Jahren der sexuellen Lockerung von politischer Befreiung zu sprechen, ohne die der Frau mitzudenken, hatte doch ehemals die gemeinsame Politisierung auch der Geschlechterrollen das Verhältnis zwischen Männern und Frauen unfest, experimentell und aufbruchsartig erscheinen lassen. Dann organisierte sich in Deutschland der Feminismus, und er entpolitisierte sich rasch. Nein, er privatisierte sich sogar. Dreißig Jahre „Emma“ führten dazu, dass man in diesem Land exakt eine Feministin kennt. Ihr Feminismus, an dem Männer anfangs noch hatten teilnehmen wollen, verwandelte sich in einen Schwarzerismus, der schon in seiner gedanklichen Schärfe entschieden hinter der feministischen Publizistik in Frankreich, Italien, Großbritannien oder den USA zurückblieb. 

In den Jahren, als eine Art Leichtigkeit noch bestand und sich im Geschlechterstreit bewähren musste, war Eitelkeit weiblich und Ehrgeiz männlich, Stutenbissigkeit schrieb man den Frauen zu und kalten Karrierismus nur den Männern. Vorbei, Unisex ist da, und hat auch von den Geschlechtermasken Besitz ergriffen. In den Neunzigern sahen französische Philosophen im Verwischen der Geschlechterdifferenz ein Indiz für barbarische Uniformität und Identitätsverlust. Heute hat sich das Phänomen von den Kleidern und Frisurmoden auf die Charaktere übertragen. Alphatiere überall, auf dem Weltmarkt der Triebökonomie treffen sie sich und fallen metrosexuell übereinander her. Ihre Gleichartigkeit ist komisch und trostlos zugleich und sie organisiert ein Desinteresse an allem Riskanten, Verschwenderischen, Verbotenen. Man ist nicht mehr erotisch, leicht oder spielerisch, der Eros hat keine Aura mehr. Er hat sich versachlicht. Vom Überbau des Bewusstseins, von der Aufklärung und „Empormenschlichung“ hat man keine hohe Meinung mehr. So konnte die Sexualität schließlich die Impulse der Geschäftswelt aufnehmen. Sie folgt Incentives, holt sich, was sie braucht und strebt raschen Erfolg an. Die Ökonomie des Begehrens zwischen Mann und Frau ersetzt alles Sentimentale. Die Leichtigkeit ist einer Mischung aus Fatalismus und Pragmatismus gewichen.

Vielleicht wird das Sexuelle erst wieder Aura haben, wenn die politische Korrektheit militanter, der sittliche Konservatismus rigider, die Prüderie öffentlicher Massenkultur noch beißender und eine neue Befreiungsbewegung nötiger wird. Sie wird aber dann den Eros selbst wohl mehr betreffen als das Verhältnis von Mann und Frau. Denn wenn ihr Verhältnis je wieder leicht, spielerisch und variantenreich werden soll, dann erst, nachdem es sich von seiner Verdinglichung, seiner Fixierung auf Effizienz erholt hat.



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