Gestörte Harmonie

Astrid Lipinsky

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


 Nächstes Jahr wird Frau Liu 40. Sie gehört zu den Haushaltsangestellten, die 70 Prozent der 70 Millionen städtischen Haushalte Chinas dringend und oft vergeblich nachfragen. Sie ist ohne Arbeitgeber „privat“ selbstständig, etwas, was im maoistischen China undenkbar war. Sie stammt aus der Provinz Anhui, deren Kinderfrauen in Peking sehr beliebt sind. Frau Lius Mann und die Kinder leben mit ihr in der Stadt.


 Wenn sie ihre Arbeitgeberin manchmal so sieht, denkt sich Frau Liu, dass die Frauen vom Land doch zäher sind als die Städterinnen, und auch gleichberechtigter. Ihre Chefin ist eine von den Staatsangestellten beim Frauenverband, die sich ganztags hauptberuflich mit der „Frauenbefreiung“ beschäftigen. Vor der Anstellung bei ihr hatte Frau Liu noch nie von diesem Verband gehört. Sie findet das Verhalten der Chefin typisch für Staatsangestellte auf Lebenszeit: Sie nimmt sich dauernd wegen irgendwelcher Wehwehchen frei und war so oft daheim, dass Frau Liu zuerst meinte, sie sei Vollzeit-Hausfrau. 


 Frau Liu putzt jetzt morgens, weil die Chefin dann im Krankenhaus ist und Fruchtbarkeitsspritzen bekommt. Sie will unbedingt ein Kind, am besten natürlich einen Jungen. 1979 wurde in China die zwingende Ein-Kind- Politik eingeführt und hat seit 1982 Verfassungsrang. Seit Ende der 1980er Jahre kippt die Geschlechterbalance bei Geburten: Es werden bis zu 135 Jungen je 100 Mädchen geboren. Im Jahr 2025 wird es in China nach UN-Prog-nosen 40 Millionen Männer ohne Ehefrau geben. Schon heute werden grenzüberschreitend Frauen nach China gehandelt, die sich oft mehrere Brüder „teilen“, wie auch die Kosten für ihren Kauf. Zwar ist der Frauenhandel verboten, die Händler werden mit dem Tode bestraft, aber er ist ein sehr lukratives Geschäft. Im innerasiatischen Frauenhandel werden größere Summen umgesetzt als mit Drogen oder Waffen. Schon heute gibt es „Junggesellendörfer“, und einige Stimmen sagen, China werde einen Krieg führen müssen, um die unzähligen jungen Männer loszuwerden. Diese Frauenknappheit bedeutet allerdings keine Statusaufwertung. Vielmehr ist eine rein materielle Bewertung der Frauen zu erkennen. Familien setzen ihre Töchter als Alleinverdienerinnen ein oder verkaufen die Mädchen. 


 2002 trat nach langen Beratungen das erste nationale Bevölkerungs- und Geburtenplanungsgesetz in Kraft. Trotz des Gesetzes schützt der Staat Frauen auf dem Land unzureichend vor der Diskriminierung als Mütter von Töchtern bis hin zur Zwangsscheidung und Ermordung von Frau und Tochter. Die Regierung ist sich der Problematik bewusst, die Ein-Kind-Politik wird gelockert. In manchen Großstädten wie Shanghai sind jetzt sogar wieder zwei Kinder erlaubt.


 Die Chefin hat Frau Liu erzählt, dass ihr Mann sie in letzter Zeit mit dem Kind ziemlich unter Druck setzt. Sie haben sich gegenseitig ihr Leid geklagt. Frau Liu sagt, dass sie drei Kinder zu versorgen und durchzufüttern hat: ihre Tochter, ihren Sohn und ihren Mann. Mit ihnen zog Frau Liu in die Stadt. Diese Möglichkeit besteht erst seit Mitte der 1980er Jahre, vorher war so ein Umzug nur durch den Abschluss einer Universität möglich. Heute macht die Wanderbevölkerung 18 Prozent der chinesischen Bevölkerung aus. Zwei Drittel sind Männer, aber zunehmend ziehen auch Frauen in die Städte. Entweder begleiten sie ihre Männer, verdingen sich als ungelernte Fließbandarbeiterinnen in den Exportsonderzonen Südchinas oder als Arbeitskräfte in Privathaushalten und der Krankenpflege. Oder sie arbeiten als Hotel- und Barpersonal, als Prostituierte oder Masseusen. 
 Als Familie Liu damals in die Stadt kam, ging der Mann auf den Bau. Dann bekam er es am Rücken. Seitdem hat er keinen richtigen Job mehr. Jetzt hat Frau Liu beschlossen, dass ihr Mann mit den Kindern zurück nach Anhui geht. Er hat natürlich überhaupt keine Lust, aber solange sie das Geld verdient, muss er machen, was sie will. Frau Liu möchte, dass ihre Tochter sich für ein Studium qualifiziert. Das Kind ist fleißig und wirklich klug. Noch im Jahr 2004 waren in der Stadt rund acht Prozent und auf dem Land knapp 17 Prozent der Frauen über 15 Jahre Analphabetinnen, fast doppelt so viele wie Männer. Bisher hat Frau Liu die Zähne zusammengebissen und die städtischen Schulgebühren bezahlt, welche die Schulen für „auswärtige Kinder“ erheben, obwohl das eigentlich verboten ist, zumindest bis zur Mittelschule. Jetzt muss die Tochter aber die Prüfung auf eine Oberschule schaffen, die nicht mehr in die Pflichtschulzeit fällt, und da hat sie nur in Anhui als Einheimische eine Chance. In der Stadt wird von den Auswärtigen eine gesonderte, besonders hohe Punktzahl verlangt, zuzüglich zu exorbitanten Schulgebühren. 


 Für Frauen ist es besonders wichtig, eine höhere Schule zu besuchen. In China gibt es keine Lehre. Mädchen, die mit 16 Jahren die Pflichtschule abgeschlossen haben und dann nicht auf eine Oberschule gehen, können nur ungelernt in gefährlichen, schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Allerdings garantiert Bildung gerade Frauen heute keine Berufsarbeit mehr. Bis zu 60 Prozent der Hochschulabsolventen sind nach Abschluss ihres Studiums arbeitslos. Wenn Frauen angestellt werden, dann nur befristet mit einem vertraglichen Schwangerschaftsverbot, um so die Kosten für den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz zu sparen. Dabei gehört die Berufstätigkeit zum Selbstverständnis der Chinesin, knapp 45 Prozent aller Berufstätigen sind Frauen. 


 Neulich hat Frau Lius Mann was von Scheidung gemurmelt. Frau Liu ist sich ziemlich sicher, dass das eine leere Drohung ist, denn was könnte ihr Mann einer anderen Frau schon bieten? Die Scheidung ist neuerdings in der Stadt große Mode. In manchen Städten wird bis zu ein Viertel der Ehen geschieden. Männer, die sich nicht scheiden lassen, haben oft eine „Zweitehefrau“. Diese Ernai oder Zweite Gattin wohnt nicht mehr wie die Konkubinen früher mit der Erstehefrau zusammen, sie hat heute ein eigenes Apartment. Frau Liu putzt bei einer Ernai, einer hübschen und studierten jungen Frau, und seit einem Jahr hat sie sogar ein Baby! Die Wohnung, viel Marmor, zwei Balkone, 130 Quadratmeter, gehört ihr, der Mann hat sie ihr zum Einstand gekauft. Mit Kind müsse sie beweglicher sein, weshalb er ihr letzten Monat ein Auto mitgebracht hat. Den Führerschein hatte die Ernai schon, das war sein Weihnachtsgeschenk im vergangenen Jahr. Der uneheliche Sohn geht in die englische Kinderkrippe, und seit Neuestem hat das Baby, weil es zweimal gehustet hat, auch noch eine eigene Masseuse, die ins Haus kommt. Nur eine Heiratsurkunde hat die Ernai nicht, braucht sie aber auch nicht. Der Sohn trägt den Namen des Vaters, und die Erstehefrau werde sich noch wundern, wer ihren Mann beerbt! 


 Frau Liu und ihre Chefin haben dagegen nicht das Gesicht und nicht das Alter dafür, Ernai zu werden. Frau Liu hat das aber auch gar nicht nötig. Sie verdient eigenes Geld, und schon Mao hatte ja seine „eisernen Mädchen“, die Züge fuhren und Strommasten reparierten. Allerdings war unter Mao für Frauen auch nicht alles besser. Natürlich hatte er die Frauen aus dem Haus ins Berufsleben geholt, was ein klarer Bruch mit der chinesischen Tradition war. Berufstätigkeit und eigenes Einkommen wurden selbstverständlich. Aber schon unter Mao waren nur wenige Frauen in finanzstarken Staatsbetrieben und viel mehr in unterfinanzierten kommunalen Betrieben tätig. Frauen waren vor allem in sozialen Einrichtungen der Arbeitseinheiten tätig, also genau an den Stellen, die im Zuge der Wirtschaftsreformen als Erstes gestrichen wurden. Einerseits können Frauen so heute selbstständig arbeiten und Karriere machen. Andererseits ist die Frauenarbeitslosigkeit höher als bei Männern, außerdem brauchen sie viel länger, um wieder eine Stelle zu finden. Frau Liu steht zu ihrem Job. Das Leben ist zwar hart, aber trotzdem lebt sie zehnmal lieber in der Stadt, auch wenn sie sich von der glitzernden Auslage in den Schaufenstern nichts kaufen kann. Daheim im Dorf mit seinen Schlammwegen, dem Klobalken über dem Schweinekoben und seinen Traditionen will sie nicht mehr wohnen. Im Dorf, findet Frau Liu, werden die Leute immer rückständiger. Das wenige Geld geben sie aus, um der zukünftigen Braut ihres Sohnes ein Haus zu bauen, statt ihre Töchter zur Schule zu schicken. Im Dorf sagen sie, das sei ihre Altersvorsorge, denn die Schwiegertochter würde sie im Alter pflegen. In der Stadt dagegen sind die Leute versichert. Auf ihren Sohn braucht sich Frau Liu nicht zu verlassen, und auch nicht schon anfangen, für die Schwiegertochter zu planen, wenn er gerade aus den Windeln ist. Entweder ihr Sohn findet selbst eine Frau, oder eben nicht. Anders als im Dorf braucht sie deshalb keine schlaflosen Nächte zu haben. 


 Es stimmt auch nicht, dass die Stadt für Frauen viel gefährlicher ist. Als Frau Liu letztes Jahr zu Besuch in Anhui war und die Nachbarn besuchen wollte, stand sie vor einem verbarrikadierten Haus. Aus den Andeutungen ihrer Schwester reimte sie sich zusammen, dass die Nachbarstochter auf dem Weg von der Arbeit nach Hause beim Maisfeld überfallen worden war. Warum, tuschelten die Dorfleute, sei sie da auch alleine langgeradelt? Man wisse doch, wenn der Mais hochstünde... Ihre Tochter brachten die Nachbarn weit weg, aber dann setzten ihnen das Geschwätz und die Gerüchte so sehr zu, dass sie auch weggingen. „Natürlich“, meinte Frau Lius Schwester, habe der Verlobte der Nachbarstochter das Eheversprechen gelöst, das könne man ja verstehen, wer wolle schon „ein Paar ausgetretene Schuhe“, eine Frau, von der jeder im Dorf zu wissen glaubt, dass ein anderer sie gehabt hat. 


 Ihre Schulfreundin, Frau Ma, konnte Frau Liu auch nicht treffen. Ihre Schwester behauptete, sie sei krank, und als Frau Liu bei den Mas klopfte, machte niemand auf. Die Tratschtanten, die immer an jeder Dorfecke rumlungern, informierten Frau Liu, dass ihre Freundin aus der Stadt eine üble Krankheit mitgebracht hätte. Deshalb würde auch im Kramladen, den sie mit ihren Ersparnissen eröffnet hatte, niemand einkaufen. Diese Krankheit sei ansteckend, und wer wisse überhaupt, wie die Ma zu ihrem Geld gekommen sei. Sie hatte auch noch vorgehabt, im Dorf zu heiraten! Als ob man hier einen Mann für sie übrig habe! Frau Ma starb wenige Wochen später, und Frau Liu hörte in diesem Zusammenhang zum ersten Mal von Aids. Ende der 1950er Jahre war die Prostitution in China offiziell abgeschafft, seit Beginn der Wirtschaftsreformen 1978 ist sie die am stärksten wachsende Branche. Verboten ist Prostitution in China nicht, bestraft werden Zuhälter und Bordellbetreiber. Prostituierte gelten als Opfer und werden in Lagern umerzogen. Die Nutzung von Kondomen ist nicht verbreitet, das Infektionsrisiko für HIV/Aids ist sehr hoch. 2005 gab es je nach Schätzungen zwischen 650.000 und 1,1 Millionen Menschen mit HIV. 2004 waren 39 Prozent aller registrierten HIV-Fälle Frauen. 


 Das ist eben der Unterschied, überlegt Frau Liu. In der Stadt war sie neulich erstmals bei einer der kostenlosen Untersuchungsstationen im Park, wo Freiwillige den Blutdruck messen und bestimmte Medikamente empfehlen. Oder über Aids aufklären. China hat, vor allem seit der Vierten Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking, zahlreiche Frauenschutzgesetze mit modernster Rechtsterminologie entwickelt. Diese werden über Bücher und landesweite Schulungen verbreitet. Zu häuslicher Gewalt gab es die staatlich geförderte TV-Vorabendserie, „Mit Fremden spricht man nicht“, die über das Verbot und Schutzmöglichkeiten aufklärte. Es gibt Frauennotrufe und psychologische Hotlines, die sich allerdings auch nur in den Städten konzentrieren. 


 Im Dorf dagegen müsste sie erst die zwanzig Kilometer bis in die Kreisstadt kommen und dort zur einzigen Buchhandlung gehen, wo bestimmt kein Frauenbuch im Sortiment ist. Ihre Schwester kannte noch nicht mal die Landfrauen-Monatszeitung „Rural Women Knowing All“, die Frau Liu manchmal liest und ihr sehr empfohlen hat. Erst da hat sie erfahren, dass ihre Schwester kein Geld hat. Wenn sie eins von den von ihr gemästeten Schweinen verkauft, steht ihr Mann daneben und steckt das Geld ein. Die Schwester findet es sogar gut, dass sie ihren Mann wegen jedem bisschen um Geld bitten muss. Sie berichtete von der erfolgreichsten Frau im Dorf, die als Erste im Gewächshaus Tomaten zog und sie ab Hof verkaufte. Jeder konnte sehen, dass sie das Geld einsteckte. Letzten Winter hat sie dann jemand im Gewächshaus, wo sie übernachtete, weil es dort schön warm war, ausgeraubt und erschlagen. Frau Lius Schwester ist sicher, dass der Täter von auswärts kam, obwohl auch Gerüchte kursieren – im Dorf gibt es immer Gerüchte –, wonach der Dorfvorsteher ausnutzen wollte, dass der Mann der Tomatenbäuerin in der Stadt arbeitet und sich so erhoffte gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Geld und Sex. Ob die Frau denn nicht um Hilfe geschrien hätte? Die Schwester zuckt die Achseln: Vielleicht hat die Frau ja geschrien, aber selbst wenn: Hier im Dorf wäre ihr niemand zu Hilfe gekommen. Die Frau vom Dorfpolizisten beispielsweise schreit natürlich, wenn ihr Mann sie schlägt. Es ist nicht zu überhören, und alle hören weg. Sich bloß nicht in Familienstreitigkeiten einmischen, dass ist sprichwörtliche gute alte Tradition. 


 Sogar was das Wasser angeht, hat Frau Liu es in der Stadt besser. Im Dorf kommt schon lange aus den Wasserhähnen kein Tropfen mehr. Ihre Schwester holt das Wasser mit Eimern aus dem Dorfteich, in dem auch sämtliche Abfälle landen, und Frau Liu konnte sich nicht vorstellen, es zu trinken. Sie hat die Schwester gefragt, wann denn der Wasserwagen kommt, den sie in der Stadt haben, und die Schwester hat sie nur verständnislos angeschaut. Sauberes Wasser? Dann müsste sie über den Berg ins Nachbardorf gehen, wo sie einen Brunnen hätten. Allerdings solle sie lieber nicht sagen, dass sie nicht aus dem Dorf kommt, das hätten die Leute dort nicht gern. 


 Wenn Frau Liu so etwas hört, ist sie froh, nicht mehr im Dorf leben zu müssen. Auch wenn das Versprechen vom Vorsitzenden Mao, wonach den Frauen die Hälfte des Himmels gebühre, auch heute noch nicht viel mit der Realität zu tun hat, ist sich Frau Liu sicher, dem Himmel als Frau in der Stadt doch ein Stück näher zu sein.



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