„Ich will emotional sein“

ein Gespräch mit Grada Kilomba

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Frau Kilomba, Sie sind Psychoanalytikerin afrikanischen Ursprungs. Spielen Ihr Geschlecht und Ihre Herkunft für Ihre Arbeit eine Rolle?

Beides spielt eine sehr wichtige Rolle. Wir alle sprechen immer von einem ganz bestimmten Standpunkt und einer bestimmten persönlichen Geschichte heraus. In meiner Wirklichkeit als schwarze Frau spielen daher sowohl Geschlecht als auch „Rasse“ eine sehr wichtige Rolle und spiegeln sich in dem, was ich schreibe, wider.

Was ist wichtiger – Geschlecht oder „Rasse“?

Das lässt sich nicht trennen. Hier lag einer der größten Fehler des westlichen Feminismus, der sein Augenmerk auf das Geschlecht gerichtet und „Rasse“ als primäre Kategorie ignoriert hat. Wir müssen begreifen, dass Geschlecht und „Rasse“ immer miteinander verschränkt und untrennbar verbunden sind. Rassistische Konstruktionen basieren auf Geschlechterrollen, und umgekehrt beeinflusst das soziale Geschlecht die Art und Weise, in der „Rasse“ konstruiert wird. Die Mythen der sexualisierten schwarzen Frau, des infantilisierten schwarzen Mannes oder der unabhängigen weißen Frau sind Beispiele dafür, wie Gender- und „Rassen“-Konstruktionen sich überschneiden.

Was bedeutet das für die Frauenbewegung?

Westliche Feministinnen waren sehr angetan von der Idee der Schwesternschaft. Sie haben alle Frauen als unterdrückte Kollektivgruppe in einer patriarchalischen Gesellschaft gesehen. Diese Idee kann, wenn sie entsprechend kontextualisiert wird, sehr schlagkräftig sein anderenfalls ist sie eine abwegige und allzu simple Vorstellung, welche die Geschichte von Sklaverei, Kolonialisierung und Rassismus außer Acht lässt, in der weißen Frauen eine Machtposition sowohl gegenüber schwarzen Frauen als auch gegenüber schwarzen Männern eingeräumt wurde. Wir müssen unbedingt lernen, herauszustellen, wie wichtig „Rasse“ in Gender-Beziehungen ist.

Wie beeinflusst das Ihre Arbeit als Wissenschaftlerin?

Die akademische Welt ist keine neutrale Sphäre. Sie ist eine weiße Sphäre, die in ihrer Geschichte den Schwarzen beiderlei Geschlechts das Rederecht verweigert und Theorien hervorgebracht hat, die uns als „minderwertig“ konstruiert haben. Die akademische Welt hat darum ein sehr problematisches Verhältnis zum Schwarzsein und schließt unsere Arbeit fortwährend von der offiziellen Agenda aus mit der Begründung, sie sei zu subjektiv oder zu emotional. Diese Dynamik zeigt, wie schwer es der vorherrschenden Wissenschaft fällt, sich auf die Stimmen und Erfahrungen und auf die Wissenschaft von Menschen einzulassen, die kolonialisiert worden sind.

Und stimmt das: Ist Ihre Arbeit emotional und subjektiv?

Ausgeschlossen und marginalisiert zu sein ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die zur Sprache gebracht und theoretisiert werden muss. Deshalb möchte ich subjektiv und emotional sein. Damit vermittle ich zwar persönliche Informationen, gleichzeitig liefere ich aber auch Beschreibungen von Rassismus und stelle eine historische und soziale Realität dar. Diese Positionierung und die Tatsache, dass ich von einem spezifischen Standpunkt aus spreche, mögen ungewohnt sein, denn weiße Wissenschaftler haben dies lange Zeit nicht getan. Das bedeutet aber nicht, dass deren Diskurse objektiv sind. Schließlich sprechen auch sie von einem sehr spezifischen Standort, wenn sie andere beobachten und beschreiben. Das ist kein neutraler Standort. Das ist Macht.

Auch weiße Wissenschaftlerinnen hinterfragen diese Macht.

Wir erwarten von weißen Frauen nicht, dass sie eine ähnliche Perspektive einnehmen wie schwarze Frauen. Es kommt sehr häufig vor, dass weiße Frauen Sexismuserfahrungen mit Rassismuserfahrungen gleichzusetzen versuchen, und das ist überaus problematisch. Wir erfahren sowohl Sexismus als auch Rassismus, und das führt zu einer singulären Form der Unterdrückung, die man als „Gendered Racism“ bezeichnet. Darum können und sollten wir keine Gleichsetzungen vornehmen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu schwarzen männlichen Kollegen?

Sehr ausgeprägt. Aufgrund der Gewalterfahrung des Rassismus definieren wir uns sehr viel stärker über Rasse als über Geschlecht und bewegen uns daher gemeinschaftlich als Unseresgleichen. Das hat bei weißen Feministinnen für eine Menge Irritation gesorgt. 

Das Interview führte Evi Chantzi



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