Damenprogramm

Ursula Zeller

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


 Viel war zu hören und zu lesen über die Grand Tour 2007: Die vier Kunst-Großereignisse – Biennale Venedig, Art Basel, Documenta in Kassel und Skulptur-Projekte in Münster – waren ein genialer Werbefeldzug mit Rückbezug auf die Bildungsreisen des europäischen Adels im 18. Jahrhundert. Ein Jahrhundertkunstsommer war vorpro-grammiert. 


 Den Reigen eröffnete im Juni 2007 die Biennale Venedig mit 66 Länder-Pavillons. Viele Kritiker sind seit Jahren der Meinung, dass diese nationalen Repräsentationen abgeschafft gehören. Doch bieten sie gerade in diesem Jahr in Venedig die spannendste Kunst. Wo sonst kann sich der Besucher an einem Ort über die zeitgenössische Kunst im Libanon genauso informieren wie über die künstlerische Szene in Usbekistan? Noch nie war im europäischen Herzstück der nationalen Präsentationen die Konkurrenz unter weiblichen Künstlern so groß und so direkt: Tracy Emin präsentiert sich für ihre Verhältnisse eher brav mit sensiblen Zeichnungen im britischen Pavillon, Sophie Calle bespielt mit 107 Interpretationen einer E-Mail grandios den französischen und Isa Genzken besetzt mit Bravour den deutschen Pavillon. Sie vereint unter dem Titel „Oil“ Spiegel, Puppen, Rollkoffer, Affen, Schlaufen, Schutzanzüge, Plastikhelme und vieles mehr zu einer futuristischen Szenerie. Alle diese Objekte stammen aus dem Rohstoff Öl. Sie assoziiert damit den Aufbruch in eine unbekannte Welt, weist aber auch auf die Schattenseiten dieser Ressource, den Krieg um den Rohstoff hin. In der Hauptausstellung fällt Emily Prince auf: Sie stellt akribisch gezeichnete Porträts von im Irakkrieg gefallenen US-Soldaten aus – damit gibt sie den Soldaten, deren Bilder vom Militär unter Verschluss gehalten werden, ihre Würde zurück. Im Moment umfasst ihr Archiv 3.800 Porträts. So verlässt man Venedig mit dem Eindruck, nicht mehr, aber besonders starke Frauen erlebt zu haben.


 Einige Kritiker meinten, auf der Art Basel die bessere Documenta und die bessere Biennale Venedig erlebt zu haben. Das ist übertrieben, denn die Art Basel bleibt eine Kunstmesse – jedoch die beste ihrer Art. Viele der in Venedig und dann später in Kassel und Münster gesehenen Künstlerinnen und Künstler waren hier zum Teil in großen Projekten auf der Art Unlimited präsentiert. Männer und Frauen standen gleichgewichtig nebeneinander, ein Trend ließ sich nicht ausmachen. 


 Die Documenta gerierte sich äußerst marktfern: wenig allgemein Bekanntes und wenig heiß gehandelte Namen. Aber sie verzichtet auch auf die große Geste, präsentiert wenig auffällige Werke. Damit ist sie vielen zu unspektakulär. Jede Kritik an der Documenta muss jedoch fairerweise das bewusste Wollen der Kuratoren ins Kalkül ziehen: den Kunstbetrieb zu entschleunigen und wieder Konzentration auf die Kunst zu erreichen. Damit haben Roger Bürgel und Ruth Noack die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt, wenn auch die Antworten nicht immer überzeugen. Auf jeden Fall zeigen sie Werke subtil und differenziert im Kontext. Immer wieder sieht der Besucher dieselben Künstler in unterschiedlichen Zusammenhängen – so wird ein Gesamtœuvre lesbar und erfahrbar. Noack und Bürgel haben zudem bewiesen, dass Kunst der Gegenwart nicht auf Zeitgenössisches beschränkt sein muss. Indem sie auch ältere Werke in ihre Ausstellung aufnehmen, können sie bildnerische Inhalte über historische, geografische und kulturelle Grenzen hinweg verfolgen. Und erstmals wirft die Documenta einen konzentrierten Blick auf die Kunstszene Mittel und Osteuropas. Neben Ai Weiwei sind es dann vor allem die Frauen, die groß auftreten, zum Beispiel Sanja Ivecovic mit ihren frühen konzeptionellen Arbeiten oder dem Mohnfeld, Cosima von Bonin mit riesigen Installationen, Trisha Brown mit ihren zwischen Tanz und Performance angesiedelten Werken – und Charlotte Posenenske als Wiederentdeckung.


 Das Konzept der vierten Ausgabe der Skulpturenprojekte Münster konzentriert sich auf Künstler, die bisher nicht mit Kunst im öffentlichen Raum hervorgetreten sind. Entsprechend sieht das Ergebnis aus: viel Video, kaum sichtbare Konzeptkunst. Immerhin zeigten sich die Skulptur-Projekte in der Organisation so weiblich wie nie: allein im Kuratorenteam saßen zwei Frauen, der Kurator der früheren Veranstaltungen trat in den Hintergrund. Im Gedächtnis bleiben nicht viele Arbeiten: am eindrücklichsten sicher Martha Roslers Installationen, die sich auf die Stadtgeschichte beziehen.


 Bei der Biennale Istanbul dominieren auf der Macherseite die Frauen den dort noch immer jungen zeitgenössischen Kunstbetrieb. Auf die Künstlerliste wirkt sich das allerdings nicht aus. Hier entwickelt Hou Hanru in der Hauptausstellung seine „Zone of Urgency“ der Biennale Venedig 2003 weiter: Die Kunst unserer Zeit ist als lauter, schriller Widerschein der Wirklichkeit zu erleben. Wo ein Werk das andere übertönt, werden Fragen der Autorschaft, von weiblich und männlich obsolet. 



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