Unter uns

von Hans Elbeshausen, Dorte Skot-Hansen

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Im aktuellen „Migrant Integration Policy Index“ aus dem Jahr 2007 schneidet Dänemark im europäischen Vergleich schlecht ab. Besonders der Schutz von ausländischen Mitbürgern vor Diskriminierung und ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt werden dort als mangelhaft kritisiert. Auch sah sich die dänische Regierung bereits dem Vorwurf der Menschenrechtsverletzung ausgesetzt, als 2006 ein Bericht der Europäischen Komission gegen Rassismus und Intoleranz erschien. Dies war darauf zurückzuführen, dass die humane und integrationsfreundliche Ausländergesetzgebung aus dem Jahr 1983 nach und nach durch restriktivere Regelungen ersetzt wurde. Die Gründe für die fehlende soziale Akzeptanz von Ausländern sind vielfältig. Es sind nicht nur aktuelle Ereignisse wie der Karikaturenstreit, der nach Abdruck der Mohammed-Karikaturen in der rechtskonservativen Zeitung Morgenavisen Jyllands-Posten weltweit entbrannte.

Vor allem langfristige kulturpolitische Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass die Rahmenbedingungen für den gegenseitigen Respekt und die wertschätzende Anerkennung der Kulturen in der dänischen Gesellschaft schlechter geworden sind. Mit der Strategie der Demokratisierung von Kultur wurde seit den 1970er-Jahren das Ziel verfolgt, die ganze Bevölkerung an „guter“ Kultur teilhaben zu lassen. In Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Aufklärung sollten alle – ungeachtet ihrer sozialen Herkunft – Zugang zu Bibliotheken und Museen sowie zur Welt der Musik und des Theaters haben. Diese Idee lag auch der Gründung eines eigenständigen Kulturministeriums Anfang der 1960er-Jahre zugrunde. Mitte der 1970er-Jahre wurde diese Strategie erweitert. Nun wurde davon ausgegangen, dass es in der Gesellschaft nicht nur eine, sondern viele Kulturen gibt und dass die Kulturpolitik dafür zu sorgen hat, diese zu fördern und wachsen zu lassen. Subkulturen sollten Eigenaktivitäten entwickeln, weil so die Bedeutung der eigenen Kultur erfahren werde. Auch marginalisierte Gruppen wie etwa Zuwanderer und Gastarbeiter könnten, so glaubte man, eine neue Identität entwickeln. Diese basisdemokratische Variante der Kulturpolitik wurde im Grundsatz zur kulturellen Demokratie zusammengefasst.

Die kulturpolitische Wirklichkeit sieht jedoch so aus, dass die Demokratisierung der Kultur im Großen und Ganzen die staatliche Kulturpolitik geprägt hat. Der Staat hat sich in der Gesetzgebung und bei der Vergabe von Mitteln und Zuschüssen darauf konzentriert, die Produktion und Vermittlung von Kultur mit großem „K“, also Kulturprodukten aus dem Bereich der Hochkultur, zu fördern. Dieser liegt ein universalistischer Kulturbegriff zugrunde. Danach gibt es nur eine Kultur und einen verbindlichen Maßstab bei der Bewertung von Kunst. Die Förderung der kulturellen Demokratie und Soziokultur indessen hat man überwiegend den Städten und Gemeinden überlassen. Diese haben kommunale Kulturhäuser (medborgerhuse) errichtet und Medienwerkstätten eingerichtet, lokale Kulturgruppen unterstützt und andere Einrichtungen gefördert, wo sich eigenkulturelle Aktivitäten entfalten konnten. Hier konnte man – wenn man Glück hatte – in den 1970er-Jahren auch auf Einwanderer und Flüchtlinge treffen, die oftmals als exotische Beigabe im Unterhaltungsprogramm einer Kulturnacht mitwirkten oder den ethnischen Abend in der örtlichen Bücherei durch Bauchtanz und kulinarische Köstlichkeiten aus der heimischen Küche bereicherten.

Inzwischen sind die Aktivitäten vielfältig und zielgruppenbezogen. Auf staatlicher Ebene waren die Ansätze für eine pluralistische Kulturpolitik eher zufällig und zusammenhanglos. Im kulturpolitischen Diskurs der 1970er- und 1980er-Jahre fehlten multiethnische und multikulturelle Themen. Bei Fragen der Internationalisierung ging es hauptsächlich darum, wie sich Dänemark mittels Kunst und Kultur erfolgreich im Ausland vermarkten lasse. Ließ sich der Export von Schinken und Speck durch Aufführungen des königlichen Balletts fördern, waren alle Probleme gelöst. Es schien, als wollte man unter keinen Umständen im Ausland ein Bild präsentieren, das eine wachsende kulturelle Vielfalt im Inneren Dänemarks zeigte.

Kulturpolitische Initiativen im multikulturellen Bereich wurden bis weit in die 1990er-Jahre sozialen und humanitären Einrichtungen überlassen, wobei Integration das übergeordnete Ziel war. Ethnizität wurde als Problem und nicht als Chance begriffen. Eine große Anzahl eher zufälliger Projekte wurde ins Leben gerufen. Programme wie „Wenn Menschen einander begegnen“ des Innenministeriums oder Informationskampagnen wie „Ein Land – verschiedene Völker“ sollten neue Rahmenbedingungen für den Kontakt der Kulturen schaffen. Aber wenn die Projektmittel versiegten, wurde es schwer, eine gewisse Kontinuität in den verschiedenen Milieus zu sichern. Viele der Initiativen wurden zu isolierten Events ohne feste Anbindung an die Kulturinstitutionen oder Beziehung zum Alltag des Publikums. Um das Jahr 2000 herum konnte man eine größere Offenheit und ein größeres Interesse an multikulturellen Themen vernehmen. Die linksliberale Kulturministerin Elsebeth Gerner Nielsen (Radikale Venstre) betonte auf der Konferenz „Weltbürger in Dänemark“, dass „wir herausfinden müssen, was es bedeutet, Däne mit multikulturellem Hintergrund zu sein“. Durch die Förderung des Interkulturellen Netzwerkes und die Unterstützung der Konferenz „1+1=3. Kulturelle Vielfalt und die Entfaltung des Kulturlebens“ begünstigte das Kulturministerium das Umdenken und die Diskussion der kulturellen Vielfältigkeit in der dänischen Gesellschaft. Mit dem Regierungswechsel im Jahr 2001 änderte sich die staatliche Kulturpolitik. Brian Mikkelsen, konservativer Kulturminister, fördert seitdem keine Projekte und Aktivitäten im multiethnischen und multikulturellen Bereich. Vielleicht lässt sich der Standpunkt vertreten, dass die staatliche Kulturpolitik seitdem mit einem „farbenblinden“ Modell operiert, wonach Künstler ethnischer Herkunft allen anderen Künstlern gleichgestellt werden.

Im Jahr 2005 setzte der Kulturminister sieben Ausschüsse ein, die in den jeweiligen Kunstarten einen Kanon mit zwölf Werken erstellen sollten, die „unverzichtbare und unveräußerliche Werte für das dänische Kulturerbe darstellen“. In diesem Zusammenhang erklärte der Minister 2005 auf einem Parteitag der Konservativen Volkspartei: „Eine mittelalterliche muslimische Kultur wird hierzulande nie die gleiche Authentizität wie die dänische Kultur erlangen, die nun einmal auf einem Stück Erde gewachsen ist, das zwischen Skagen und Gedser und zwischen Dueodde und Blåvandshuk liegt. Wir sollten alles unternehmen, damit die Einwanderer mit der dänischen Gesellschaft, ihrer Geschichte und ihren demokratischen Werten vertraut sind. Wir haben damit begonnen, einen nationalen Kulturkanon zu erstellen. Der ist als Gabe für alle Bürger dieses Landes gedacht – auch für die Einwanderer, die dadurch einen guten Zugang zu dem Fundament erhalten, auf dem die dänische Kultur errichtet wurde.“ Diese Rede veranlasste mehrere Mitglieder der Ausschüsse, ihr Mandat niederzulegen. Erst als der Minister schriftlich bedauerte, dass seine Rede für „unnötige Verwirrung“ gesorgt habe, konnte man wieder zur Tagesordnung übergehen. Als jedoch die fertigen Arbeiten vorgestellt wurden und sich gleichzeitig die kulturpolitische Lage wegen der Mohamed-Karikaturen zuspitzte, unterstrich der Minister, dass „meine Aussagen heute noch zutreffender sind als damals“. Die staatliche Kulturpolitik ist heute vor allem national ausgerichtet. Ihr geht es darum, eine geographische und kulturelle Identität zu schaffen, die fest in der dänischen Geschichte verwurzelt ist. Der nationale Kanon ist Teil eines Kulturkampfes, der an die Auseinandersetzungen über die deutsche Leitkultur erinnert. Kulturelle Vielfalt ist kein Bestandteil der staatlichen Kulturpolitik, der es vor allem um Anpassung an und Integration in die dänische Gesellschaft geht.

Von den kunstproduzierenden Institutionen sind die dänischen Theater noch am experimentierfreudigsten. Sie haben sich England zum Vorbild genommen. Mithilfe des englischen Konzepts „New Audience Development“ wollen sie sich ethnischen Minderheiten gegenüber öffnen und für eine größere kulturelle Vielfalt im Repertoire und unter den Besuchern sorgen. Auch findet man interessante Neuansätze in der Zusammenarbeit mit ethnischen Gruppen. Das Königliche Theater und mehrere Vorstadttheater in Kopenhagen arbeiten im Augenblick an der Entwicklung von Modellen, mit denen sich besser interkulturelle Brücken bauen lassen. Es ist jedoch noch zu früh, um zu sagen, ob es in der dänischen Theaterlandschaft tatsächlich zu einer kulturellen Annährung kommt und ausländische Mitbürger zahlreicher im Publikum zu finden sein werden. Das Betty Nansen Theater, ein bekanntes Privattheater in Kopenhagen, hat seit 2002 mehrere Projekte durchgeführt, welche die interkulturelle Verständigung verbessern helfen sollen.

Die erste Aufführung im Rahmen des Projektes „Die Gedanken der Anderen“ war das Stück „1001 Nacht – Jetzt“. Hier erzählen elf Dramatiker aus dem Nahen Osten, wie sie Fremdenfurcht erleben. Andere Stücke beschäftigten sich mit Hochzeitsritualen, dem Verhältnis von Söhnen zu ihren Vätern und der Kopftuchdebatte. Typisch für diese Aufführungen war, dass (Amateur-)Schauspieler aus dem Einwanderermilieu und erfahrene dänische Schauspieler gemeinsam auf der Bühne standen. Wohl die besten Erfahrungen mit ausländischen Mitbürgern haben die öffentlichen Bibliotheken, denn dort gehören sie zu den fleißigsten Benutzern. In den letzten fünf Jahren hat sich in den Bibliotheken eine Projektkultur entwickelt, und man findet viele unkonventionelle Angebote vor. So nahmen junge Frauen aus Vollsmose, einem ethnischen Ghetto in Odense, 2004 am Bibliotheksprojekt „Wir lesen die Zeitung – GEMEINSAM“ teil. Hier zeigte sich schnell, dass das Erzählen von Lebensgeschichten aus verschiedenen Kulturen eine wichtige Voraussetzung war, um Kulturkompetenzen zu fördern.

Von Vorteil ist, dass Bibliotheken nicht zwischen elitärem Qualitätsdenken und dem Geschmack des Publikums entscheiden müssen. Denn letztendlich bestimmen die Benutzer über das Angebot. Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann aus Konstanz stellte in Verbindung mit den Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses fest, dass Kultur, Erinnerung und Identität aufeinander angewiesen sind: „Jeweils aktuelle Affekte und Motive sind die Wächter über Erinnern und Vergessen.“ Wir möchten diesen Gedanken aufnehmen und auf die kulturpolitische Diskussion in Dänemark beziehen. Aufgabe der Kulturpolitik ist es, einen kulturellen und sozialen Ort zu schaffen, der die Erinnerungsfähigkeit in der Gesellschaft fördert. Ohne die Fähigkeit, sich zu erinnern, fehlt den Menschen das Orientierungswissen. Die dänische Kulturpolitik ist, was die Erinnerungsfähigkeit im multiethnischen Bereich anbetrifft, gespalten. Kulturpolitischen Initiativen auf staatlichem Niveau geht es hauptsächlich um die Sicherung des kulturellen Erbes und der kulturellen Identität. Traditionen werden in der Nationalgeschichte verankert, kanonisiert und zu einer verpflichtenden Leitkultur erweitert.

Es ist zu fragen, ob eine Leitkultur die Erinnerungsfähigkeit ausländischer Mitbürger beeinflusst und ihre Erinnerungen an eigene kulturelle Traditionen und Erfahrungen verblassen oder gar als unerwünscht erscheinen lässt. Denkbar ist, dass ihnen der Ort des Erinnerns genommen wird, dass individuelle Lebensgeschichten in Vergessenheit geraten und kulturelle Herkunft und Identität mythologisiert werden. Mit der Auflösung der ethnischen Lebensform und der zunehmenden inneren Differenzierung ethnischer Minderheiten stellt sich außerdem die Frage, wie Minderheitenrechte, kulturelle und persönliche Identitäten und Erwartungen der Majoritätsgesellschaft zu einem stimmigen kulturpolitischen Konzept zusammengefügt werden können. Obwohl die staatliche Kulturpolitik eher assimilatorische und selten pluralistische Formen der Integration gefördert hat, hat das Selbstverständnis der Kulturinstitutionen einen entscheidenden Einfluss auf den interkulturellen Dialog. Kulturinstitutionen können sich als Kontaktzonen, als hybride Räume verstehen, in denen sich Grenzidentitäten entfalten können. Sie können Freiräume sein und die vorurteilslose Begegnung der Kulturen fördern oder aber als Repräsentant der westlichen Zivilisation den Werthorizont ebendieser Kultur vermitteln wollen. Ob im kulturellen Kontakt die kulturelle Differenz sichtbar wird, hängt oft von den Erfordernissen und Erfahrungen auf regionaler und lokaler Ebene ab. Gerade dort hat sich in Dänemark eine Vielfalt von Initiativen, Programmen und Projekten entwickelt, die oftmals den kulturellen Hintergrund der „anderen“ ernst nimmt und das Aufeinandertreffen von dänischer und ethnischer Kultur zu einer Beziehung der kulturellen Begegnung und des gegenseitigen Lernens macht.

Das Ziel dieser Kulturpolitik von unten ist es, einer doppelten Entwurzelung der ausländischen Mitbürger entgegenzuwirken, das soziale Kapital auf lokaler Ebene zu stärken und kulturelle und ethnische Vielfalt mit größerer Legitimität zu versehen. Die Aktivitäten sind ebenso wie die Motive sehr verschieden, und es ist nicht immer einfach zu sagen, ob die assimilatorischen oder pluralistischen Aspekte der Integration im Vordergrund stehen. Aber allein die Tatsache, dass auf dieser Ebene eine Kulturpolitik nicht nur für ausländische Mitbürger, sondern mit ihnen betrieben wird, zeigt, dass die Berührungsangst fremden Kulturen gegenüber ab- und die soziale Anerkennung zunimmt. Grundsätzlich kann man sagen, dass die dänische Kulturpolitik mit der neuen Unübersichtlichkeit im postnationalen Zeitalter ihre liebe Mühe hat.

Die Sicherung des kulturellen Erbes und die Durchsetzung einer dänischen Leitkultur auf der einen und soziale Anerkennung kultureller Vielfalt auf der anderen Seite – das sind die beiden Pole, welche die kulturelle Auseinandersetzung in Dänemark im Moment bestimmen. Dass nach der Parlamentswahl am 13. November 2007 mehr Bewegung in die Kultur- und Integrationspolitik kommt, ist kaum zu erwarten. Dem sozialliberalen Block steht ein gleich großer nationalkonservativer Block gegenüber. Die neue Regierung, die im Wesentlichen die alte ist, wird auch in Zukunft von der rechtsnationalen Dänischen Volkspartei abhängig sein. Zwar wird von der neuen Integrationsministerin eine größere Flexibilität erwartet, doch einen grundlegenden Kurswandel in der Integrationspolitik wird es auch mit ihr nicht geben. Eine Kulturpolitik, in der sich kulturelle Differenzen entfalten können, würde voraussetzen, dass in der dänischen Gesellschaft die Differenz der Kulturen anerkannt wird. Doch so weit sind wir noch nicht.



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