„Autofahren, arbeiten, Ansichten äußern“

ein Interview mit Samar Fatany

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Welche Rolle spielen die Medien für Frauen in Saudi-Arabien?

Die Medien spielen eine sehr große Rolle in einer Zeit der Reformen, wie es die unsere ist. Sie lenken den Fokus auf Regierungsinitiativen, die Frauen unterstützen, sich in die Arbeitswelt einzugliedern, sich fortzubilden oder neue Berufssektoren zu entdecken. Denn lange Zeit beschränkte sich ihr Tätigkeitsfeld nur auf Erziehungs- oder Pflegeberufe. Heute hingegen findet man Frauen in Banken, in der IT-Branche oder in der Marktforschung.

Wie viele Frauen arbeiten in Ihrem Sender?

Die englischsprachige Redaktion ist zum Großteil mit Frauen besetzt insgesamt sind wir 14. Zwar haben wir auch einige männliche Korrespondenten, aber die betreiben Feldforschung vor Ort, arbeiten also meistens auswärtig. Das hat sich so ergeben, weil es mehr Frauen als Männer gibt, die gut Englisch sprechen können. Daher belegen Frauen die Bürojobs.

Wie ist das Geschlechterverhältnis in der arabischsprachigen Redaktion?

In der arabischen Redaktion arbeiten mehr Männer als Frauen. Aber der Anteil von Frauen wächst ständig, inzwischen machen sie etwa 40 Prozent aus. Erstaunlich viele Frauen arbeiten in den Medien. Irgendwie scheint dies ein Weg für sie zu sein, um ihre Ansichten zu äußern. Und überhaupt üben Frauen viel schärfere Kritik aus als Männer, etwa wenn es um das Autofahren geht oder die Geschlechtertrennung am Arbeitsplatz. Es gibt keinen Grund, weshalb Frauen nicht selbst Auto fahren sollten. Derzeit brauchen arbeitende Frauen ein eigenes Auto mit Fahrer, weil es kein funktionstüchtiges öffentliches Verkehrsnetz gibt. Das sind zusätzliche Kosten für die Familien. Auch getrennte Büroräume für Männer und Frauen sind sehr teuer.

Warum werden Frauen nun stärker gefördert?

König Abdullah hatte schon als Kronprinz Reformen initiiert, um Frauen stärker in das gesellschaftliche Leben einzubeziehen. Die Hälfte unserer Bevölkerung ist weiblich, 54 Prozent aller Hochschulabsolventen sind Frauen. Arbeiten diese Frauen nicht, wird wertvolles Humankapital vergeudet. Um ein erfolgreiches und fortschrittliches Wirtschaftsland zu sein, sind wir auf die Arbeit von Frauen angewiesen. Wir sind gerade dabei, das Schulsystem und das Rechtswesen zu reformieren und das Land für Investitionen zu öffnen. Denn wenn wir uns von der globalen Gemeinschaft abschotten, fallen wir weit hinter dem Rest der entwickelten Welt zurück.

Oft begleiten Sie König Abdullah bei Staatsbesuchen im Ausland. Was genau ist Ihre Rolle in solchen Delegationen?

Vordergründig geht es darum, ein akkurates Bild von Saudi-Arabien und den saudi-arabischen Frauen zu liefern. Das Land schneidet in der Presse schlecht ab, besonders in Amerika. Meist werden wir als Unterdrückte dargestellt, die an starren Auslegungen des Islams hängen, rückständig sind und einen Krieg gegen die Ungläubigen führen wollen. Das spiegelt die Geisteshaltung der Terroristen wider, nicht aber diejenige der saudi-arabischen Bevölkerung. Es ist wichtig, der Welt zu vermitteln, dass viel Fortschrittliches in unserem Land passiert. Aber ein Wandel vollzieht sich nicht über Nacht.

Wenn Sie den Westen besuchen und hier Frauen treffen, beneiden Sie diese um das Leben, das sie führen?

Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Heute haben wir den rbb (Rundfunk Berlin Brandenburg) besucht, und ich habe die Frauenbeauftragte getroffen. Ich fände es sehr gut, einen solchen Posten auch bei uns einzuführen. Denn die Gleichstellung der Geschlechter ist zwar als Ziel im Programm der Regierungspolitik enthalten, aber wird in der Praxis nicht wirklich umgesetzt. Auch haben wir ein großes Problem mit häuslicher Gewalt, und ich finde, dass Interventionsprojekte zur Bewältigung von solchen Problemen hier besser ausgearbeitet sind als bei uns. Da können wir viel lernen.

Das Interview führte Naomi Buck



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