„Am meisten interessiert mich Verletzlichkeit“

ein Interview mit Chris Buck

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Sie fotografieren vor allem Prominente. Wie wollen weibliche Prominente auf einem Foto aussehen?

Jung, schlank und sexy – so wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden wollen. Aber auch ohne diese sozialen Zwänge und Rollenbilder wäre das wohl so. Das muss mit dem Paarungsverhalten zusammenhängen und damit, dass Frauen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren am begehrenswertesten sind. Und so wollen sie gezeigt werden, wobei es keine Rolle spielt, ob sie in der Unterhaltungsbranche arbeiten oder nicht. Zumindest gilt das für die westliche Kultur. In Nordamerika sind Frauen, die ihr Haar grau und ihrem Alter entsprechende Kleidung tragen, in der Minderheit.

Wie fotografieren Sie Frauen, die nicht jung, schlank und sexy sind, aber dieses Bild von sich in der Öffentlichkeit sehen wollen?

Ich bin kommerzieller Fotograf, also muss ich etwas liefern, mit dem sie zufrieden sind. Meine Idealvorstellung aber ist es, ein oder zwei Bilder zu machen, die diesem Wunsch entsprechen und dann noch ein weiteres, echtes Porträt anzufertigen. Eins meiner Vorbilder in der Fotografie ist Irving Penn. Er war Modefotograf und fotografierte schöne Frauen in schönen Kleidern, die sehr glamourös wirkten. Gleichzeitig schuf er auch Charakterporträts, die von seiner Modearbeit völlig getrennt waren. Er zeigte Frauen als große Frauen mit Tiefgang. Meine Aufgabe als Porträtfotograf ist es, die Persönlichkeit zu zeigen. Was mich dabei am meisten interessiert, ist Verletzlichkeit. Ich möchte die Verletzlichkeit und die Persönlichkeit von Frauen zeigen ohne den Respekt zu nehmen, der ihnen gebührt. Aber das ist nicht das, was die meisten Frauen wollen.

Finden Sie, dass Männer eher als Frauen bereit sind, ihre Verletzbarkeit zu zeigen?

Männer werden weniger aufgrund ihres Aussehens beurteilt als Frauen. Männer werden anhand ihrer Leistungen beurteilt. Sie fühlen sich eher wohl dabei, als Charakter dargestellt zu werden, als dies bei Frauen der Fall ist. Ich hingegen mag seltsame, schrullige, ältere Typen. Ich wurde schon mehrfach gebeten, Lauren Hutton, Susan Sarandon oder Martha Stewart zu fotografieren, aber sie haben es nie erlaubt. Sie haben meine Arbeiten gesehen und fürchteten, was ich mit ihnen anstellen würde.

Welche Frau hat Sie mit ihrer Persönlichkeit beeindruckt?

Lisa Kudrow, aus der Fernsehserie „Friends“, war toll. In der Serie spielt sie eine dumme Blondine, aber in ihren Filmen ist sie Charakterdarstellerin. In dem Bild wollte sie den typischen Cheesecake-Stil (Pin-up-Fotografie der 1940er Jahre, Anm. d. R.) persiflieren, in dem Schauspielerinnen so oft fotografiert werden. Sie sagte: „Komm, ich ziehe einen Bikini an, aber da drunter trage ich einen Ganzkörperanzug.“ Für eine junge Schauspielerin war das eine mutige Entscheidung. Ihr Publizist wollte auch nicht, dass sie mit einer Zigarette gezeigt wird, aber ihr war das egal.

Gab es schon mal eine ältere Frau, die sich nicht für ihr Alter geschämt hat?

Anita Roddick. Eine echte Persönlichkeit. Mit sich selbst zufrieden. Ich bat sie, sich auf die Couch zu legen, und genauso hat sie es gemacht.

Das Interview führte Naomi Buck



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