Golden Girls

von Clary Krekula

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Das Altern der Frau ist von vielen Mythen umgeben. Das ist nichts Neues. Abwertende Vorstellungen hinsichtlich älterer Frauen, welche die männliche Stärke aufweichen und zunichtemachen, können bereits in der antiken Mythologie beobachtet werden. Funde aus noch früheren Epochen deuten darauf hin, dass ältere Frauen hingegen Weisheit und Naturwissen repräsentierten, etwas, das im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten ist.

Zurück blieb die Hexe, die Alte, die, statt ob ihres Wissens gewürdigt zu werden, als ein Objekt für Spott und Angst benutzt wird. In zeitgenössischen Darstellungen sehen wir das gleiche Muster. Ältere Frauen sind darin immer noch weitgehend unsichtbar. Wenn sie hervortreten, geschieht das oft auf eine herablassende und distanzierte Weise. Diese Bilder werden unter anderem in Märchen wie dem von Hänsel und Gretel und der schrecklichen Hexe vermittelt oder der bösen Stiefmutter von Aschenputtel.

Die früheren Forschungsdarstellungen vom Altern der Frau bildeten keine Ausnahme von diesen Negativbeschreibungen. Ganz im Gegenteil kann die Forschung über Geschlecht und Alter beschrieben werden als eine hegemonische Darstellung der Vorteile der Männer und der Unterlegenheit der Frau. Studien über das Altern der Frau sind meist von der Annahme einer doppelten Gefährdung der Person ausgegangen, einmal durch das Geschlecht, zum anderen durch das Alter. Die Forschung hat die Aspekte vernachlässigt, die älteren Frauen Vorteile gegenüber Männern einräumen, unter anderem was die stärker entwickelten sozialen Beziehungen der Frauen betrifft.

Wo Sexismus und Altern eine Wechselwirkung haben, kann für Frauen das Altern problematischer werden. So sind ältere Frauen schlechter gestellt als ältere Männer, was Renten, Gesundheit und den Zugang zur Pflege betrifft. Aufgrund der längeren Lebensdauer der Frauen und Normen, nach denen Frauen einen älteren Partner haben sollen, überleben viele Frauen ihre Männer. Das trägt dazu bei, dass viele Frauen im hohen Alter allein leben und sich in einer schlechten finanziellen Lage befinden. Auch wegen der größeren Verantwortung der Frau für Kinder und Haushalt lässt sich ihre ökonomische Situation in einigen europäischen Ländern dahingehend beschreiben, dass sie entweder Kinder bekommt oder eine Rente.

Dieser einseitigen Elendsbeschreibung widerspricht jedoch die soziogerontologische Forschung, welche die subjektiven Erfahrungen der Frauen in hohem Alter beleuchtet. In diesen Studien wird der späte Lebensabschnitt oft als die beste Zeit des Lebens beschrieben. So betonen Frauen zunehmende Selbsterkenntnis und Unabhängigkeit als positive Aspekte. Vielen Frauen bietet diese Zeit erstmals die Möglichkeit zur eigenen Entwicklung, so dass sie sich neue Rollen durch politisches Engagement, Aktivitäten in der Gesellschaft oder Arbeitsprojekte schaffen können.

Positive wie negative Berichte in Bezug auf hohes Alter hängen von der Richtung der Veränderungen ab. Abnehmende Ressourcen wie physische Fähigkeiten, Gesundheit und finanzielle Lage können zu einer Betrachtung des Alters als Untergang führen. Zunehmende Ressourcen wie neue soziale Beziehungen und persönliche Entwicklung tragen zu einer positiven Sicht bei. Auf übergeordneter Ebene ist dieses komplexe Bild vom Altern der Frau abhängig von den gesellschaftlichen Vorstellungen über ältere Menschen allgemein. Stereotype Einordnungen von Eigenschaften oder Aktivitäten als „altersgerecht“ setzen speziell den Frauen Grenzen. So tragen Ansichten, es „schicke sich nicht“ für ältere Frauen, eine neue intime Beziehung einzugehen, dazu bei, dass viele, die möglicherweise gern eine feste Beziehung hätten, die Suche nicht wagen und stattdessen in unerwünschter Einsamkeit weiterleben.

Andererseits zeigt dieses Ergebnis, dass ältere Frauen nicht nur als passives Objekt gesellschaftlicher Vorstellungen anzusehen sind, sondern dass sie es auch sein können, die eingrenzende Stereotypen infrage stellen, einigen trotzen und andere aufrechterhalten. Der Mythos, dass es für Frauen aufgrund der verlorenen jugendlichen Schönheit schmerzhafter sei als für Männer, zu altern, ist nur eine Illustration dessen. Natürlich können ältere Frauen die negativen Ansichten hinsichtlich alternder Körper übernehmen und Trauer aufgrund ihres veränderten Aussehens empfinden, weil sie nicht den jugendlichen Schönheitsnormen entsprechen. Gleichzeitig definieren sie aber Teile der Schönheitsnormen neu, so dass Schönheit die gesamte Persönlichkeit mit einbezieht und folglich nicht auf alters-relevante Veränderungen begrenzt ist.

Studien zeigen, dass ältere Frauen mit ihrem Körper zufriedener sind als jüngere Frauen. Das Aussehen hat weiterhin Bedeutung, ist aber vielleicht nicht mehr so wichtig wie früher. Parallel zum Aussehen werden andere körperliche Aspekte betont wie Gesundheit und die Fähigkeit, sich trotz physischer Ein-schränkungen allein behelfen zu können. Zudem werden körperliche Veränderungen als ein unausweichlicher Teil des Älterwerdens akzeptiert. Die Frau, die über Falten, schlaffe Haut und eingesunkene Augen seufzt, kann gleichzeitig von der Freude berichten, die es ihr bereitet, einen hübschen Mantel zu tragen oder darüber, dass sie fröhliche Augen und eine gute Körperhaltung hat. Sie kann auch Freude darüber ausdrücken, welches Vergnügen ihr der Körper bei Sexualität oder Sport bereitet oder darüber, dass sie allein ihren Alltag bewältigt.

Vieles hängt dabei davon ab, wie altersfreundlich die Lebenswelt allgemein gestaltet ist. Das Projekt Age-Friendly-Cities der Weltgesundheitsorganisation WHO zeichnet weltweit altersgerechte Städte aus. Bewertungsfaktoren sind hierbei unter anderem Sicherheit, Mieten, öffentlicher Nahverkehr und Gesundheitsversorgung.

Die einseitigen Darstellungen vom weiblichen Altern bieten Möglichkeiten, Frauen zu kontrollieren, Frauen unterschiedlichen Alters voneinander zu trennen und die Zukunftsvisionen jüngerer Frauen zu begrenzen. Von daher wäre ein Interesse aus feministischer Perspektive zu erwarten, ein facettenreicheres Bild vom Altern der Frau zu erstellen. Doch das ist nicht der Fall, die Geschlechtstheoretikerinnen haben nur ein geringes Interesse für das Älterwerden gezeigt. Die Altersblindheit in der Forschung ist unter anderem damit erklärt worden, dass auch feministische Forscherinnen vom „ageism“ und von der Angst vor dem Alter beeinflusst sind. Außerdem haben sie, unter der Devise „das Persönliche ist politisch“, unterstrichen, dass eigene Erfahrungen in Handlungen und in Forschung umgesetzt werden sollen. Heute, wo die Feministinnen der zweiten Welle selbst älter werden, können wir sehen, wie das Interesse für den Alterungsaspekt in vielen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wächst.

Was können wir von der Zukunft erwarten? Subjektive Einschätzungen der eigenen Lage resultieren aus Vergleichen mit Altersgenossinnen, mit der eigenen früheren Lage und aus einer Vorstellung davon, wie man es gern hätte. Dass ältere Frauen heute ihr Altern als positiv beschreiben, zeigt, dass sie die Vorteile im Vergleich zu ihren früheren Lebensverhältnissen sehen – man denke an die Kriegsjahre oder das Eintreten der Frauen auf den Arbeitsmarkt bei unveränderter Hauptverantwortung für Haus und Kinder. Eine zentrale Frage ist also: Werden die zukünftigen älteren Frauen auf ihr Leben als eine schwere Zeit zurückblicken und das Alter als Erleichterung und eine Chance sehen, oder werden sie auf paradiesische Tage zurückschauen, die das Alter nur als Einschränkung und Verschlechterung erscheinen lassen? Die Frage kann nicht beantwortet werden, ohne die sozialen Positionen zu berücksichtigen. Frauen werden auf sehr unterschiedliche Lebensläufe zurückblicken, je nach Klasse, Ethnie, kulturellem Kontext und so weiter. Es wird auch in Zukunft nur wenige einheitliche Erfahrungen von älteren Frauen geben. Sicher haben sich die Lebensbedingungen der Frauen deutlich verbessert. Gleichzeitig zeigen sich aber Parallelen über die Zeiten hinweg, unter anderem in der Doppelbelastung der Frau auf der Arbeit und zu Hause.

Die zweite Frage betrifft das zukünftige Bild vom Alter. Alte Menschen machen einen wachsenden Anteil an der Bevölkerung aus. Jeden Monat werden eine Million Menschen weltweit 60 Jahre alt, 80 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern. Der Bevölkerungsanteil der Menschen über 65 Jahre wird in Afrika voraussichtlich von drei Prozent im Jahre 2000 auf sieben Prozent im Jahre 2050 ansteigen – in Europa hingegen von 15 Prozent auf 28 Prozent.

So wird sich auch der Blick auf das Alter wohl verändern. Ältere Menschen könnten zu einem immer wichtigeren politischen und ökonomischen Machtfaktor in der Gesellschaft werden. Dagegen wird argumentiert, dass dies nicht die Mehrheit der Älteren betreffen wird, sondern nur begrenzte Gruppen ökonomisch Privilegierter. Und nicht zuletzt können wir global unterschiedliche Entwicklungen erwarten. Während die Industrieländer auf eine alternde Bevölkerung in einer Gesellschaft mit hoher ökonomischer Entwicklung stoßen, werden die Entwicklungsländer altern, bevor der Wohlstand sich etablieren kann.

Veränderte Bevölkerungszusammensetzungen und Geschlechterrelationen bedeuten neue Herausforderungen und Möglichkeiten. Wie diese verwaltet werden, ist eine politische Frage. Die alternde Gesellschaft ist das Resultat von zwei der größten Errungenschaften der Menschheit: erhöhte Lebenserwartung und Geburtenkontrolle. Daher sollte das Ganze nicht als ein Problem betrachtet werden, sondern eher als eine Möglichkeit für weitere gesellschaftliche Entwicklung. Altersfreundliche Gesellschaften nutzen allen Altersgruppen. Sichere Nachbarschaften sind auch sicher für Kinder, hindernisfreie Gebäude und Straßen machen auch jüngere Menschen mit Behinderungen unabhängiger, die örtliche Wirtschaft profitiert von älteren Kunden und Käufern. Wir müssen gegen Altersdiskriminierung ankämpfen und Umgebungen schaffen – räumlich wie organisatorisch –, in denen die Mobilität und Teilhabe aller Gesellschaftsmitglieder gewährleistet ist.

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt



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