„Du lügst ja“

ein Interview mit Knud Romer

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Herr Romer, in Ihrem Roman beschreiben Sie, wie sehr Ihre deutsche Mutter und Sie unter den Anfeindungen im Nachkriegsdänemark litten. Warum hat diese Familiengeschichte in Dänemark so einen Wirbel ausgelöst?

Deutschenhass gab und gibt es offiziell in Dänemark nicht. Statt das Thema zu diskutieren, wollte man mich nach Erscheinen meines Buchs verklagen, weil ich geschrieben hatte, die Stadt, in der ich aufwuchs, sei klein: „So klein ist die Stadt mit 20.000 Einwohnern doch gar nicht. Du lügst ja!“ So kann man Bücher auch lesen. Die Leute meinen, ich müsste meine Kindheitserinnerungen ihren anpassen. 
 
Was ist Ihnen als Kind passiert?

Welchen Sinn sollte es haben, darüber zu reden, wer mich beim Spielen als Fußball benutzen wollte, als die Deutschen 1974 die Fußball-WM gewannen, oder wer bei uns zu Hause einbrach? Bei Elterntreffen in der Schule wurde meine Mutter schlechtgemacht. 
 
Wurde das Thema nie in der breiteren Öffentlichkeit diskutiert?

Nein. Nach dem Krieg waren die Deutschen in den ehemals besetzten Ländern ja vogelfrei. Es gab niemanden, der ihnen zuhörte, wenn sie riefen: „Hört auf, ich habe nichts getan.“ Darum war es für mich auch so schwierig, dieses Buch zu schreiben. Ich hatte Angst vor den Konsequenzen. Sie haben mich dann auch symbolisch gelyncht. Drei Wochen lang konnte ich das Telefon nicht abnehmen, vierzehn Tage lang war das Thema auf der ersten Seite aller Zeitungen. 
 
Wie erklären Sie sich das?

In derselben Zeitung, in der jeglicher Deutschenhass in Dänemark geleugnet wurde, schrieb jemand über eine schwedische Fernsehserie, sie zeige, dass die Schweden als Menschen verkleidete Deutsche seien. Das ist ein Witz, das meint heute niemand böse. Aber was würde passieren, wenn jemand schriebe, die Schweden seien Juden oder Muslime, als Menschen verkleidet? Das gäbe eine Entrüstung! Bei den Deutschen geht es glatt. Der Deutschenhass hat sich automatisiert. Man ist sich, glaube ich, überhaupt nicht darüber bewusst. Darum auch diese harte Abwehrreaktion. 
 
Ist dieser Deutschenhass auch bei den jungen Dänen zu spüren?

Nein, aber die Älteren schleppen immer noch viel mit. Ich war bei der dänischen Minderheit in Flensburg. Wenn es dänische Nationalisten gibt, dann sie. Aber wenn sie nach Dänemark fahren, werden sie wegen ihrer deutschen Autokennzeichen angehupt. Die deutsch-dänische Freundschaft war sechzig Jahre lang wie weggewischt. Heute ist Deutschland exotisch geworden: Von den jungen Dänen denkt jeder Zweite, er wird Künstler, wenn er nach Berlin zieht. Umlaute und deutsche Worte sind toll: Bars in Dänemark heißen „Märkbar“, „Zum Biergarten“ oder „Imbiss“ und Programme für Jugendliche heißen „Rundfunk“. Zurzeit besteht die Gefahr, dass deutsche, schwedische und norwegische Sender aus dem dänischen Kabelnetz fliegen, weil niemand sie anguckt. Aber man muss doch wissen, was kulturell, wirtschaftlich und politisch in den Nachbarländern los ist! Früher hat man durchs Fernsehen Schwedisch und Deutsch gelernt. 
 
Haben Sie sich als Kind gefragt, was dänisch, was deutsch ist?

Das Problem war, dass ich die Dänen mit den deutschen Augen meiner Mutter betrachtete. Sie hatte viel durchgemacht und wirkte psychotisch. Sie war im preußischen Landadel aufgewachsen, eine Herrscherin, sehr gebildet, und hatte ein merkwürdiges Weltbild. Ich hatte aber auch ein dänisches Bewusstsein und sah, wie peinlich meine Mutter war. Sie sagte immer das Falsche, hatte die falschen Kleider an, war nie dänisch lässig, nie modern. Das war ein Zwiespalt. Weil ich mich nie für die eine oder die andere Seite entschieden habe, wuchs ich in einem Krieg auf. Diese Gefühle hat man noch als Erwachsener. Man ist nicht mehr ausgestoßen, fühlt sich aber so und provoziert dieselben Reaktionen. Dass ich so lange gebraucht habe, bis ich schreiben konnte, hängt auch damit zusammen. Mir war der Mund zusammengewachsen. Ich dachte, wenn ich das sage, bringen sie mich um – auch wenn das im heutigen Dänemark völlig übertrieben klingt. 

Das Interview führte Jeannette Villachica



Ähnliche Artikel

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Einer für alle, alle für einen

von Mazhar Bagli

Ehrenmorde gibt es dort, wo die persönliche Identität die der Gruppe ist

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

Das Begehren nach Menschen

von Ann Cotten

Wie das digitale Zeitalter eine neue Empfindsamkeit hervorruft

mehr


Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien (Thema: Demokratie)

Üb’ immer Treu und Redlichkeit

von Oscar W. Gabriel

Was sich Europäer unter einem guten Staatsbürger vorstellen

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Zuviel der Ehre

von Buket Uzuner

Wie die türkische Sprache aus Frauen Jungfrauen macht

mehr


Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern (Thema: Erfindungen)

Cash aus dem Kiosk

von Samia Tamrin Ahmed

Wie Menschen ohne Bankkonto erstmals per Handy Geld überweisen können

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Thema: Türkei)

Die Kulturfalle

von Ayhan Kaya

Warum wir aufhören sollten, über Zivilisationen und Religionen zu diskutieren

mehr