Seismograf und Spiegel

Im Jahr 1951 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitschrift. Zu ihrem 70. Jubiläum haben wir Ausgaben aus allen Jahrzehnten durchgesehen. Wie wurde die Zeitschrift, was sie heute ist? 

   

Von Peter Goßens

Im ersten Heft seiner »Mitteilungen«, das im November 1951 erschien, stellte das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) der Öffentlichkeit seine »Aufgaben« vor: Ziel sei die »Förderung des geistigen Austausches zwischen den Völkern« im »Dienst der übernationalen Verständigung«. Mit seiner Arbeit wendet es sich gegen die »einseitige Kulturpropaganda« früherer Zeiten und versteht »Kunst und Kultur« als gemeinsames »Geisteserbe« aller Nationen. An die Stelle des »Wahns« imperialistischer Politik des 19. Jahrhunderts tritt nun ein »gegenseitiges Geben und Nehmen« (1 und 2/1951).

Das Land der Dichter und Denker hatte durch den Zivilisationsbruch der Jahre zwischen 1933 und 1945 seine Rolle als eine weltweit führende Kulturnation endgültig eingebüßt. Nun wurden Austausch und Offenheit gegenüber dem Anderen zu neuen Grundsätzen der jungen Bundesrepublik Deutschland. Das ifa, das seit 1917 als Deutsches Ausland-Institut bestanden hatte, wurde als Institut für Auslandsbeziehungen neu gegründet. In seiner Eröffnungsrede forderte Theodor Heuss im Dezember 1951, dass »Weltluft« an die Stelle der »Verdumpfung im monopolistischen Selbstlob« treten solle: »›Weltluft‹ heißt […], offen zu sein, um zu spüren, daß die Welt aus allen Richtungen, von West und Ost, von Süd und Nord kommt« (2/1951). 

Auswärtige Kulturpolitik ist nicht mehr länger eine »Echokammer« nationaler Selbstbestätigung, sondern »ein offener, durchlässiger Raum des Dialogs«, wie es Frank-Walter Steinmeier zum hundertjährigen Jubiläum des ifa 2017 nennt. In diesem Raum des Kulturaustauschs kann man »sich im Spiegel der anderen […] betrachten, um sich selbst zu erkennen« (2/1951). Auswärtige Kulturpolitik ist von nun an ein »Frühwarnsystem«, wie Hans-Magnus Enzensberger es 1995 formuliert, das auf den Zustand der internationalen Kontakte hinweist.

In diesem Frühwarnsystem übernehmen Kulturzeitschriften wie Kulturaustausch die Rolle eines Seismografen. Sie dokumentieren Veränderungen und Erschütterungen in den wechselseitigen internationalen Beziehungen und sind Gedächtnis, Speicher und Spiegel des kulturellen Selbstbildes einer Nation. Zugleich sind sie Wegbereiterinnen von Austauschprozessen zwischen den Kulturen: Kulturaustausch vermittelt seiner Leserschaft heute in (mindestens) 146 Ländern nicht nur ein Bild Deutschlands in globalen Zusammenhängen, sondern vor allem auch als Partner eines weltumspannenden Dialogs.

Bis Kulturaustausch diese Rolle wirklich ausfüllte, war es ein langer Weg. Aber von Beginn an standen Austausch und Dialog im Kontext des Globalen auf seiner Agenda und prägten das Gesicht der Zeitschrift entscheidend. Von heute aus gesehen sind die Anfänge von Kulturaustausch geradezu bescheiden: Im November 1951 erscheint das erste Heft der »Mitteilungen« des ifa mit einem Umfang von gerade einmal vier Seiten. Die »Mitteilungen«, so der damalige Generalsekretär Franz Thierfelder, sollten »Sprachrohr und Bindeglied« sein, um »vorerst in bescheidenem Gewande […] zusammenhängend über unsere Tätigkeit zu berichten« (2/1951). Doch schon die ersten Hefte beschränken sich nicht darauf, die internationalen Aktivitäten des ifa zu dokumentieren, sondern einer heterogenen Gruppe von Interessenten die Möglichkeit zur Teilhabe zu geben.


Aber zugleich zeigen Hefte wie das zu Israel, dass im Umgang mit anderen Kulturen stereotype Bilder und eine nationale Perspektive vorherrschen

 


Einige Schwerpunktthemen bilden sich zu dieser Zeit heraus: Da ist zum einen die Förderung der deutschen Sprache im Ausland, sei es im Bereich von Schule und der internationalen Politik oder bei deutschsprachigen Volksgruppen, die teilweise schon vor Jahrhunderten ausgewandert sind. Auswanderer und Auswanderung sind dementsprechend ein weiteres Thema, das regelmäßig aufgerufen wird: Denen, die anderswo leben, bietet man die Möglichkeit, mit Deutschland in Kontakt zu bleiben und informiert sie über deutschsprachige Kultur im In- und Ausland. Den auswanderungsinteressierten Deutschen dagegen versucht man Orientierungshilfen über berufliche Perspektiven, aber auch die Infrastrukturen in anderen Ländern zu geben. Und schließlich wenden sich die »Mitteilungen« an die Akteure internationaler Politik als eine weitere Zielgruppe, die schon seit der Gründung des Instituts 1917 mit ihm verbunden waren, und bieten ihnen eine gemeinsame Publikationsplattform.

Aus den zunächst monatlich erscheinenden Mitteilungsblättern wird ab 1955 eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, die ihre Leserschaft vor allem mit Schwerpunktheften über die Kulturen der Welt informiert. Der Umfang der Ausgaben wächst kontinuierlich: Aus den vier Seiten des ersten Heftes werden zunächst Mitteilungsblätter von meist 16 Seiten. Schon 1952 gibt eine Doppelnummer eine Gesamtübersicht über die Aktivitäten des Instituts auf über einhundert Seiten. Ebenso umfangreich ist Ende 1953 ein Sonderheft zu den sich intensivierenden deutsch-französischen Beziehungen. 

Länderschwerpunkte finden sich zwar auch schon in früheren Heften (etwa zu Italien in Heft 5/1952), aber seit dem Frankreich-Heft prägen sie das Bild der Zeitschrift über Jahre hinweg. Die Perspektive auf die Länder ist recht unterschiedlich: Im Heft zu Uruguay (2/1954) werden die Repräsentanten deutschsprachiger Kultur wie Schulen, Vereine und Kirchen, die Geschichte der Besiedlung Uruguays durch Deutsche und die Rezeption deutschsprachiger Kultur zum Thema.

Das Heft zu Afghanistan (5/1954) dagegen berichtet nicht nur über die Geschichte einer weitgehend unbekannten Kultur, sondern bringt auch Übersetzungen von Gegenwartsliteratur. Daneben gibt es jährlich ein Heft zu grundlegenden Themen ausländischer Kulturpolitik, wie etwa eine weltweite Übersicht ausländischer Kulturzeitschriften (2/1955), zu Entwicklungshilfe (2/1960), das Auslandsschulwesen (3/1961) oder auch Städtepartnerschaften (1/1965). Aber zugleich zeigen Hefte wie das zu Israel (3/1963), dass im Umgang mit anderen Kulturen stereotype Bilder und eine nationale Perspektive vorherrschen, bei der die belastende Vergangenheit Deutschlands im Dritten Reich vollkommen ausgeblendet wird. 


1973 ändert sich nicht nur das Äußere, sondern die gesamte inhaltliche Ausrichtung radikal


Erst unter Willy Brandt wird Kulturpolitik zum dritten Pfeiler moderner Außenpolitik. Die neuen kulturpolitischen Prämissen führen mit etwas Verzögerung auch zu einer Neuausrichtung der Zeitschrift, die weit über die Veränderungen beim Wechsel des Chefredakteurs und ifa-Generalsekretärs 1960, als Franz Thierfelder durch Michael Rehs abgelöst wird, und beim Wechsel des Titels 1962, als aus den »Mitteilungen« die »Zeitschrift für Kulturaustausch« wird, hinausgehen. Denn 1973 ändert sich nicht nur das Äußere, sondern die gesamte inhaltliche Ausrichtung radikal. Die »am längsten erscheinende Fachzeitschrift für internationale Beziehungen« (1/1973) entscheidet sich für eine »thematische Straffung« und eine »stärkere Öffnung des fachlichen Erfahrungsaustausches auch mit dem Ausland« (1/1973).

Mit neuem Layout und in kleinerem Format nimmt man den Verlust der bisherigen Leserschaft in Kauf, um den erweiterten Kulturbegriff der ›Leitsätze für Auswärtige Kulturpolitik‹ (1970) grundlegend zu reflektieren und in die Praxis umzusetzen. Die neue Reihe setzt mit einem Heft über die Neuorientierung »auswärtiger Kulturpolitik« (1/1973) ein. Die grundsätzlichen Überlegungen werden im folgenden Heft durch Gerd Gerkens Modell der auswärtigen Kulturpolitik als wechselseitigen »Kommunikations-Prozeß« ergänzt: »Wenn es nicht mehr darum geht, Deutschland ›zu verkaufen‹, sondern gemeinsame Prozesse zu bewirken, um Frieden zu sichern, so ist gleichzeitig zu bedenken, daß nunmehr Kenntnisse über den Kommunikations-Prozeß vorhanden sein müssen« (2/1973).

Das dritte Heft des Jahrgangs reflektiert dann den »Einfluß von Stereotypen auf internationale Kulturbeziehungen« (3/1973) und damit ein Phänomen, das die bisherige Kulturpolitik in eine Sackgasse führte. Bis 1996 werden die Bedingungen auswärtiger Kulturpolitik in teilweise langen Artikeln grundsätzlich diskutiert und mit neuen Inhalten gefüllt: Akkulturation, Technologie, Dekolonialisierung und Übersetzung sind nur einige Themen, die dort angesprochen werden. Die Zahl der ›Länderhefte‹ wird deutlich reduziert und es kommen die Akteure aus fremden Kulturen zu Wort. Die Länder und Kontinente der Welt – Afrika, Asien oder die islamischen Kulturen – sind nicht mehr länger nur Objekt und die eurozentrische Perspektive auf sie wird infrage gestellt.

Ebenso werden auch die Einwanderung nach Deutschland und die Probleme einer entstehenden Migrationsgesellschaft diskutiert (etwa in Heft 1/1985: »… aber die Fremde ist in mir«). Die faszinierende Reihe von Themenheften, die in dieser Zeit entstehen, ist allerdings nicht mehr unbedingt für die breite Öffentlichkeit gedacht, sondern die Zeitschrift nimmt immer mehr die Form einer Fachzeitschrift an, die ihr Publikum vor allem im akademischen Bereich findet. Aus einer heutigen Perspektive, die Bildlichkeit und Pointiertheit der Informationen in den Mittelpunkt rückt, wirken die Hefte wie »Bleiwüsten«. 


Deutschland ist jetzt Teil der globalen Kultur


Erst durch die von Hans Magnus Enzensberger in »Der Spiegel« 1995 angestoßene Debatte über auswärtige Kulturpolitik wird der für diese Zeit symptomatische Rückzug aus der Öffentlichkeit aufgebrochen. Kulturpolitik wird ein wesentlicher Parameter für die außenpolitische Wahrnehmung Deutschlands in der Welt. Die »Zeitschrift für Kulturaustausch« reagiert sehr schnell auf die neue Situation und ändert schon 1996 ihre Konzeption grundsätzlich: Aus den textlastigen Themenheften der letzten Jahrzehnte wird eine Zeitschrift, die zwar Schwerpunktthemen setzt, aber vor allem Kommunikation und Information in den Mittelpunkt stellt. Mit dem neuen Konzept möchte man ein breites Publikum über aktuelle kulturpolitische Felder informieren.

Doch auch wenn die Hefte, die zwischen 1996 und 2005 erscheinen, mit ihrem journalistischen Anspruch und der intensiven Verbindung von Bild und Text der heutigen Zeitschrift ähneln, ist der Bruch, der sich ab 2006 auch im neuen Titel Kulturaustausch – Zeitschrift für internationale Perspektiven spiegelt, grundlegend. Auswärtige Autoren berichten nicht mehr nur über die Kultur des eigenen Landes, vielmehr werden die Schwerpunktthemen der einzelnen Hefte nun systematisch durch internationale Autoren gestaltet, die wesentliche Impulse zu den zahlreichen aktuellen und vor allem globalen Debatten beitragen können. Im Mittelpunkt steht jetzt nicht mehr die nationale Perspektive, sondern Deutschland ist nun Teil der globalen Kultur.

 

Kulturaustausch fragt daher Autoren aus der ganzen Welt nach der individuellen Selbstverortung angesichts der Herausforderungen durch die Globalisierung (etwa 4/2016: »Ich und alle anderen«). Die Themen, die Kulturaustausch in den Mittelpunkt stellt, sind nur noch weltweit zu betrachten: Gesellschaftliche und soziale Fragen (2/2015: »Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit«; 2/2017: »Breaking News. Ein Heft über Medien«; 3+4/2018: »Das ärmste Land/Das reichste Land«) werden ebenso zum Schwerpunktthema wie die Probleme des globalen Klimas (2/2008: »Heiße Zeiten«; 1/2018: »Erde, wie geht’s?«).

Schließlich gibt es weiterhin Länderhefte, die aber nun den Akzent auf die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in den Ländern setzen: »Das neue Italien« (3/2016) oder »Une grande nation. Ein Heft über Frankreich« (4/2017) stellen Bekanntes neu vor; dagegen zeigt »Das Paradies der anderen. Ein Heft über die Malediven« (4/2019) eine Kultur, die durch den Klimawandel verschwinden wird. Auch wenn die Geschichte der Zeitschrift Kulturaustausch von Veränderungen und Brüchen geprägt ist: In den vergangenen siebzig Jahren gelang ihr – im Spagat zwischen den außenpolitischen Bedingungen und grundsätzlichen Diskussionen über transnationale Themen − auswärtige Kulturpolitik immer wieder, wie Frank-Walter Steinmeier es formulierte, zu einem Raum werden zu lassen, »in dem aus Verschiedenheit Gemeinsames entstehen kann«.