Mein Verhältnis zu Brecht

Als Gao Xingjian im Jahr 2000 den Literaturnobelpreis erhielt, war er in Deutschland nahezu unbekannt. Allerdings nicht für KULTURAUSTAUSCH — bereits 1986 hatte er diesen Beitrag über sein Verständnis von Theater für uns verfasst

   

Von Gao Xingjian

Die Frage, welcher Dramatiker den größten Einfluß auf mein Dramenwerk hatte, brächte mich ebenso in Schwierigkeiten, wie wenn ich entscheiden sollte, welcher Erzähler am stärksten mein Schaffen als Prosaschriftsteller beeinflußt hat. Ich könnte gleich eine ganze Liste aufzählen. In diesem Sinne waren alle Schriftsteller meine Lehrer, doch meine Begeisterung für den einen oder anderen wechselte von Zeit zu Zeit.

Als Student war ich stark beeindruckt von Goethe und Schiller. Auch von Stanislawski, mit dem ich mich intensiver beschäftigt habe, war ich sehr fasziniert. Ich war mit einigen Kommilitonen in einem Dramenzirkel; wir führten Schauspiele auf, und ich versuchte mich als Regisseur, und zwar nach der Methode Stanislawskis. Dann entdeckte ich Wachtangow und Meyerhold und später auch Brecht. Von Brecht war ich sofort fasziniert. Das war während meines vierten Studienjahres, ich war damals gerade zwanzig Jahre alt. In diesem Alter neigt man gewöhnlich zum Fanatismus, aber man kann auch an Festigkeit und Reife gewinnen.

Und gerade zu der Zeit las ich Brechts »Mutter Courage und ihre Kinder«, las den »Kaukasischen Kreidekreis« und nur wenig später eine Übersetzung der »Schriften zum Theater«, die damals als Interna erschienen und deshalb nicht allgemein zugänglich waren. Zu der Zeit begann bereits der Anti-Revisionismus, auch Stanislawski wurde abgelehnt, und es war nur verständlich, daß auch so revolutionäre Ideen zum Theater, wie sie Brecht vertrat, kaum noch verbreitet werden durften. Vielleicht übte gerade wegen dieser Restriktionen Brecht auf mich eine umso stärkere Anziehungskraft aus und konnte daher meine Verehrung für Stanislawski ablösen.

Das Theater stellte sich für mich ganz unerwartet in einer völlig anderen Art und Weise dar, und Brecht war der erste Dramatiker, der mir klarmachte, daß es auch möglich ist, die Gesetze der Theaterkunst neu zu bestimmen. In diesem Sinne wurde er für mich später viele Jahre lang zum entscheidenden Faktor auf meiner Suche nach der Kunst des Schauspiels. Ich entdeckte, dass man ein Drama auch ganz anders schreiben kann als Ibsen und dass sich die Kunst der Regieführung völlig anders ausüben läßt als bei Stanislawski. Das höchste künstlerische Prinzip ist dann nicht die naturgetreue Reproduktion des Lebens auf der Bühne. Ich glaube, wenn ein Künstler hier wirklich etwas leisten will, muß er sich zuerst ein Spezialwissen über die Kunstgattung aneignen, aber sein eigenes künstlerisches Schaffen darf keine Nachahmung auf der Grundlage seines neuen Wissens sein. Brecht bietet uns ein solches noch nie dagewesenes Drama.


 

Ich bin voller Bewunderung für Brechts selbstständigen und kritischen Geist

 


Durch ihn habe ich verstanden, daß ein Drama auch epischer Natur sein kann. Das Schauspiel ist ursprünglich aus der volkstümlichen Unterhaltungskunst hervorgegangen, die sich natürlich auch schauspielerischer Mittel bediente: Das Gesprochene wurde gleichzeitig für die Zuschauer dargestellt. Der Schauspieler/Sänger setzte sich absolut nicht blind mit seiner Rolle gleich.

Brecht hat von neuem die Position des erzählenden Darstellers im Schauspiel gestärkt, diesem jedoch ein modernes Bewusstsein gegeben, so daß mit dessen Auftauchen die Struktur des Ibsenschen Dramas vollständig über Bord geworfen wurde. Man konnte nun Theaterstücke auch ganz anders schreiben, wobei es nicht mehr nötig war, Konflikte durchgehend so anzulegen, daß sich alle Einzelheiten um das Leitmotiv gruppierten. Wie bei der Abfassung eines Romans konnte man nun frei erzählen und gleichzeitig Ereignissen nachgehen.

Brecht entwickelt im modernen Theater vom Stückeschreiben bis hin zur Regieführung eine neue Methode. Und wenn ein Dramatiker nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis ein völlig neuartiges Verfahren liefern kann, dann ist sein Beitrag zur Theatergeschichte umso größer. Brecht hat das epische Theater nicht geschaffen, damit die Menschen Falsches für wahr halten, sondern, um die Vernunft eines jeden Zuschauers anzusprechen; in dieser Hinsicht unterscheidet sich das Epische bei ihm grundsätzlich von dem in der Antike.

Weder der epische Erzähler noch die Zuschauer folgen blind den Gefühlsschwankungen der handelnden Personen im Stück. Er ist sich über alles im Klaren und betrachtet die Ereignisse im Theaterstück, die vielleicht aus dem Leben gegriffen sind, dennoch aus einer historischen Perspektive. Von den Inhalten der Dramen Brechts soll hier nicht die Rede sein, sondern allein von der Technik, die von dem Bewußtsein durchdrungen ist, daß der Mensch gegenüber der Welt und sich selbst eine distanzierte Haltung einnimmt.

Ich bin voller Bewunderung für seinen selbständigen und unerschütterlich kritischen Geist. Der epische Erzählstil entstand natürlich vor einem geschichtlichen Hintergrund, nämlich dem des aufkommenden Nationalsozialismus. Trotz großer Fortschritte in der heutigen Welt ist die Menschheit weiterhin mit vielen neuen Problemen konfrontiert. Man darf deshalb wohl mit Berechtigung sagen, daß dieser von Selbstbeobachtung durchdrungene epische Erzählstil bis heute nicht überholt ist.


 

Ich glaube deshalb, daß diese Kunst auch einem eigenen Wissen entspringt, und aus diesem Wissen heraus schreibe ich meine Stücke

 


Zugegeben, es gibt verschiedene Arten, eine epische Erzählung in ein Theaterstück einzufügen, aber selbst bei der Suche nach einer anderen Methode habe ich mich letzten Endes doch wieder an Brecht gehalten. Seit das moderne Theater diese ursprünglich vorhandene, dann aber verloren gegangene epische Erzähltechnik wieder aufgenommen hat, konnte es sich neu entfalten, und solche Bereiche, die früher zum Roman oder zur Lyrik zählten, konnten jetzt Eingang in die Kunst der Dramatik finden.

In allen meinen Stücken, wie zum Beispiel in »Busstation«, »Die Wilden« bis hin zu »Ausgewählte Szenen«, habe ich nach unterschiedlichen Erzähl- und Darstellungsmethoden gesucht. Alle Schauspieler in »Busstation« sind Erzähler, sie können mitten im Stück auftreten und mit Hilfe ihrer Position als Schauspieler das Stück, in dem sie auftreten, kommentieren. Dies ist, so könnte man sagen, die Verfremdungsmethode, die Brecht in seinen Dramen verwendet hat. Ich möchte den Zuschauern sagen, daß die Schauspieler, die auf der Bühne eine ganz bestimmte Rolle übernehmen, immer Schauspieler bleiben. [...]

Brecht hat weder seine Methode noch seine Theorie zum epischen Theater vollendet. Sein Zeitgenosse Antonin Artaud und nach ihm Beckett und Grotowski haben das Theater von einer anderen Warte aus zu reformieren versucht. Aber Brechts Verdienst liegt eben darin, in Theorie und Praxis ein allseitig vollendetes Drama hervorgebracht zu haben. Er hat überzeugend klargemacht, daß »Drama« auch ganz anders aufgefaßt werden kann.

Ich glaube deshalb, daß diese Kunst auch einem eigenen Wissen entspringt, und aus diesem Wissen heraus schreibe ich meine Stücke. Auch darin hat er mich sehr ermutigt.

Aus dem Chinesischen von Almuth Richter. Erschienen in Zeitschrift für Kulturaustausch 3/1986 über »Wechselseitige Bilder. Das Eigene im Fremden. Chinesen über Deutsche, Deutsche über Chinesen«