Der perfekte Kriegsersatz

Ist Sport Kultur? Oder ihr Gegenteil? Paul Auster lotete im Jahr 2000 die Grenze zwischen Spiel und Ernst im Fußball aus

Von Paul Auster

Im 12. Juli 1998 versammelten sich auf den Champs-Elysées mehr als eine Million Menschen, um den Sieg Frankreichs in der Weltmeisterschaft zu feiern. Nach allem, was man hört, war es die größte Demonstration öffentlichen Glücksgefühls, die Paris seit der Befreiung von den Deutschen im Jahre 1944 erlebt hat. Man konnte angesichts der Bedeutung des Ereignisses nur staunen. Es war nur ein Sieg im Sport, und er konnte auf keinen Fall, auch nicht unter Aufbietung aller Fantasie, mit dem Ende der Nazi-Besetzung verglichen werden. Und doch war es für jedermann sichtbar: dieselbe Freude und derselbe Ausbruch des Nationalstolzes, der Charles de Gaulle in derselben Stadt auf derselben Straße vor 54 Jahren entgegengeschlagen war.

Was sollte man davon halten? Als ich in meinem Gedächtnis nach einem vorherrschenden Bild oder nach einer vorherrschenden Tatsache forschte, das oder die die vergangenen zehn Jahrhunderte europäischer Geschichte zusammenfassen könnte, war das Wort, das mir immer wieder einfiel, »Blutvergießen«. Und damit meine ich die Metaphysik der Gewalt: Krieg, Massenzerstörung und das Abschlachten Unschuldiger. Dies soll nicht den Ruhm der europäischen Zivilisation mindern. Aber trotz Dante und Goya, trotz Urkunden und der Erklärung der Menschenrechte ist in den vergangenen tausend Jahren kaum ein Monat vergangen, ohne dass eine Gruppe von Europäern beabsichtigte, eine andere Gruppe von Europäern zu töten. Ein Land hat gegen ein anderes gekämpft (der Hundertjährige Krieg), Bündnisse von Ländern haben gegen andere Bündnisse von Ländern gekämpft (der Dreißigjährige Krieg), und die Bürger eines einzelnen Landes haben gegeneinander gekämpft (die französischen Religionskriege). Wenn wir zu unserem eigenen viel gerühmten Jahrhundert des Fortschritts und der Aufklärung kommen, füllen Sie einfach die jeweiligen Lücken.

Eine unheimliche Erinnerung an vergangene Feindschaften schwebt über jedem Spiel

Glücklicherweise hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Frieden zwischen den größeren europäischen Mächten gegeben. Das heißt nicht, dass sie einander mögen, und das heißt auch nicht, dass das Gemetzel überall aufgehört hätte, aber zum ersten Mal sieht es so aus, als ob die überwiegende Mehrheit der Europäer einen Weg gefunden hätte, einander zu hassen, ohne einander in Stücke zu reißen. Dieses Wunder trägt den Namen Fußball. Sei es Legende oder Wahrheit, der erste Hinweis auf das Fußballspielen im letzten Jahrtausend scheint auf einen Kriegsvorfall zurückzugehen. Um das Jahr 1000 feierten die Engländer ihren Sieg über einen angreifenden dänischen Häuptling, angeblich indem sie seinen Kopf abhackten und ihn als Fußball benutzten. [...]

Jetzt tragen die Länder ihre Schlachten mit Stellvertreterarmeen in kurzen Hosen auf dem Spielfeld aus. Es soll ein Spiel sein, und es soll Spaß machen, doch eine unheimliche Erinnerung an vergangene Feindschaften schwebt über jedem Spiel, und bei jedem Tor hört man das Echo alter Siege und alter Niederlagen. Holland gegen Spanien. England gegen Frankreich. Polen gegen Deutschland. Als ich im Sommer 1998 die Weltmeisterschaften anschaute und die Fans der verschiedenen Nationalmannschaften die Fahnen ihrer Länder schwenken und patriotische Lieder singen sah, wurde mir klar, dass die Europäer endlich einen Ersatz für Kriege gefunden haben.

Ja, ich bin mir der randalierenden Fußballfans bewusst, und ich weiß von den Ausschreitungen, die während der Fußballmeisterschaft in Frankreich stattfanden. Aber immerhin können wir nun die Opfer an den Fingern zweier Hände abzählen. Eine Generation früher zählten wir sie in Millionen.

Aus dem Amerikanischen von Angela McClellan. Erschienen in Zeitschrift für Kulturaustausch 1/2000 zum Thema »Sport. Spiel ohne Grenzen«