Sangolly Rayanna Statue - Peeranwadi

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: der Autor und Künstler D. S. Chougale aus Indien.

„Sangolli Rayanna führte Mitte des 19. Jahrhunderts die Armee der Königin Kittur Chinnava an. Gemeinsam kämpften sie gegen die britische Kolonialmacht im südwestindischen Staat Karnataka. Beide wurden wegen Hochverrats angeklagt und hingerichtet.

Rayanna gehörte der Kuruba-Kaste an, die traditionell Hirtenarbeit verrichtete. In der Gesellschaft Indiens ist das sehr bedeutend, da unsere Gesellschaft in Kasten und Gemeinschaften unterteilt wird. Obwohl die Kuruba eher ländlich geprägt waren, konnte diese Kaste sich einen nicht unerheblichen Reichtum erarbeiten. Seit einigen Jahrzehnten gewinnen die Kuruba auch mehr und mehr Einfluss in der Gesellschaft. Sie erreichen höhere Bildungsabschlüsse und nehmen Positionen in den Regierungen von Bundesstaaten und auf nationaler Ebene ein. Mit ihrem Aufstieg hat auch Sangolli Rayanna an Bedeutung gewonnen. 

In der Nacht vom 14. auf den 15. August installierten ein paar junge Leute eine Ryanna-Statue im Dorf Peeranwadi. Sie stellten sie mitten auf eine Gabelung der Bundesstraße, die den Bundesstaat Karnataka mit Goa verbindet. Die Polizei entfernte die Statue schnell – es ist verboten, irgendwelche Bauten an Bundesstraßen zu errichten. Die jungen Leute forderten den Wiederaufbau und Politiker des Bundesstaats unterstützten sie dabei. Am 28. August wurde die Statue schließlich wiederaufgebaut. 

Die Verfechter*innen der Statue sprechen hauptsächlich Kannada, eine weit verbreitete Sprache im Südwesten Indiens. Gegner*innen der Statue sprechen hauptsächlich Marathi – sie entstammen der Volksgruppe der Maratha. Sie protestierten aus zwei Gründen gegen die Rayanna-Statue: In Peeranwadi steht bereits eine Shivaji-Statue, die einen wichtigen König der Maratha abbildet und außerdem sollte der Ort, an dem die Rayanna-Statue, die Straßenkreuzung, nach Shivaji benannt werden. Schließlich konnten sich die Parteien darauf einigen, dass Rayannas Statue stehen bleiben darf, die Kreuzung allerdings nach Shivaji benannt wird. 

Obwohl der Konflikt beigelegt wurde, zeigt die Situation, wie es wegen Kasten- und Sprachunterschieden zu Streitereien über das historische Erbe kommen kann. Die Menschen in Indien sind stolz auf ihre Kultur und ihre Geschichte, die Demokratie ist sehr lebhaft. Dennoch werden Kaste und Sprache zusehends zu Werkzeugen nationalistischer Politik. Es ist sehr schade, dass indische Nationalheld*innen auf diese zwei Aspekte reduziert werden. Eigentlich sollte uns die Geschichte doch lehren, in Harmonie zu leben. Sie sollte uns nicht zum Kämpfen anstacheln.“