Lenin Statue - Gelsenkirchen

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: der Historiker Ulrich Mählert.

„Lenin-Statuen sind allenfalls als Relikte aus DDR-Zeiten vorstellbar. Niemand käme auf die Idee, ihn so mit der deutschen Geschichte zu verbinden, als dass man ihm ein Denkmal widmen müsste. Außer eben die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD). Man muss eingestehen: Es war ein genialer PR-Coup, diese Statue vor ihrer Parteizentrale in Gelsenkirchen aufzustellen.

In Russland gab es 1917 eine demokratische Revolution, die von Lenins Oktoberrevolution überwölbt wurde. Damit wurde dort der demokratische Neuanfang unterbrochen und der Weg für eine siebzig Jahre währende Diktatur geebnet. Von daher ist es relativ absurd, Lenin heute ein Denkmal zu errichten.

Wir als Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur haben dazu Stellung bezogen. Über Twitter wurden wir dafür kritisiert, von einem Journalisten, der da wohl eine Art Neutralitätsgebot verletzt sah. Würde man heute irgendeinem Vordenker des Nationalsozialismus eine Statue aufstellen, wäre dann von der Bundeszentrale für politische Bildung, zum Beispiel, auch zu erwarten, dass sie sich nicht dazu positioniert? Lenin war sicher eine spannende, schillernde Figur. Verharmlosen sollte man ihn allerdings nicht.

Auch wenn die MLPD für ihre Aktion viel Aufmerksamkeit bekommen hat – sie ist im Prinzip politisch irrelevant und wird zurecht vom Verfassungsschutz beobachtet. Die Lenin-Statue steht auf privatem Grund, ist aber von außen zu sehen. Es ist das Recht der Partei, diese Statue aufzustellen und das muss anerkannt werden. Wenn wir aber heute darüber reden, dass Begriffe aus dem öffentlichen Raum verschwinden sollen, die rassistisch zu verstehen sind, dann gehört es auch aus der Sicht unserer Stiftung auch zur politisch-kulturellen Hygiene, dass diese Statue irgendwann wieder verschwindet.

Die Stadt Gelsenkirchen und die Kultureinrichtungen dort haben gut auf diese Aktion reagiert. Sie haben die Aufmerksamkeit auf Bildungsangebote, Ausstellungen, Publikationen und Websites gelenkt, die über die Geschichte des Kommunismus informieren. Somit hat alles Schlechte auch etwas Gutes.“