John A. Macdonald Statue - Montreal

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: die Professorin für soziale Arbeit und Mitglied der indigenen kanadischen Gitxsan Nation Cindy Blackstone.

„Eine der kolonialen Schlüsselfiguren Kanadas war der erste Premierminister John A. Macdonald (1815-1891). Neulich wurde seine Statue in Downton Montréal gestürzt. Ein Streit hat sich entzündet zwischen denjenigen, die ihn als Gründervater Kanadas anerkennen, als Bewahrer alles Guten, und den indigenen Menschen der First Nations, Métis und Inuit. Für sie repräsentiert er die Kolonialmacht, die sogenannte Residential Schools ins Leben gerufen hat.  

Die Kinder der First Nations, Métis und Inuit wurden aus ihrem Zuhause gerissen und in diese Schulen gesteckt um sie zu zivilisieren, um ihnen ihre Kultur auszutreiben. Nicht selten wurden die Kinder dort missbraucht, vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass 4.000 bis 6.000 Kinder in diesen Einrichtungen ums Leben gekommen sind. Es war nicht ungewöhnlich, dass man erst einmal einen Friedhof überqueren musste, bevor man zum Eingang der Schule gelangte. Die letzte Residential School in Kanada machte 1996 die Tore dicht. In Kanada wusste man, was passierte, die Schulen waren kein Geheimnis, sie galten als normal. 

Die Regierung ist angeblich auf eine Aussöhnung aus. Sie gibt vor, von der Vergangenheit lernen zu wollen. Gleichzeitig wird Macdonald auf den öffentlichen Kanälen der Regierung als historische Persönlichkeit gefeiert. Das ist eine beschönigte Version seiner Geschichte. Auch während der Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum Kanadas 2017 würdigte man ihn mit einer völlig unreflektierten Ausstellung. Bisher ist es dem kanadischen Staat nicht gelungen, seine Vergangenheit ordentlich aufzuarbeiten. 

Ich hoffe, dass der Diskurs jetzt in Bewegung kommt. Diskriminierung wurde in Kanada bisher eher als ein zwischenmenschliches Problem angesehen, nicht als ein systemisches. Es reicht nicht, wenn wir allen nur beibringen, wie man nett und höflich miteinander umgeht. #blacklivesmatter hat die Diskussion weitergebracht. Ich bin skeptisch, ob wir daraus lernen. Systemische Diskriminierung gibt es schon lange und genauso lange haben wir nichts daran geändert. Den Kanadier*innen muss die Wahrheit zugemutet werden, sodass sie bessere Entscheidungen treffen können. Ansonsten bleiben wir der Gefahr ausgeliefert, die Fehler der Geschichte zu wiederholen.“