Ivan Konev Statue - Prag

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: der Historiker Jaromír Mrňka.

Iwan Konew war ein sowjetischer Marschall und Karrierepolitiker der KpdSU, ein Held der Sowjetunion. Er führte 1945 die Offensiven der Roten Armee an, seine Truppen befreiten Auschwitz, Berlin und schließlich Prag. Die Geschichte könnte so einfach sein, ist sie aber nicht: Im Mai 1945 gab es einen Aufstand gegen die Nazis in Prag, Böhmen und Mähren. Erst als die verbleibende Wehrmacht in der Hauptstadt schon kapituliert hatte, kam Konew und vertrieb die Überreste dieser Truppen. Die Geschichtserzählung der Sowjetunion feiert Konews Einheiten als die alleinigen Befreier Prags. In diesem Gedenken wurde seine Statue 1985 im 6. Prager Bezirk errichtet, wo die russischen Truppen in der Stadt ankamen.

In den 1990er-Jahren drehten tschechische Historiker die Geschichte um: Sie verneinten den Anteil der Roten Armee an der Befreiung fast völlig und hoben die Aufständischen in Prag hervor. Seit Mitte der 2000er-Jahre schreiben Politiker*innen des rechts- und linkskonservativen Spektrums, auch um den heutigen Präsidenten Miloš Zeman, die Geschichte des Kriegsendes in Tschechien erneut um, zugunsten der russischen Befreier. Bei seinem Amtsamtritt 2013 schlug Zeman entsprechend eine russland- und putinfreundliche Politik ein.

Die Gegner dieser Politik warfen dem Marschall hingegen seine Rolle bei der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 und an der Besatzung Prags 1968 vor. Deswegen wurde seine Statue immer wieder rot bemalt. Die Behörden des Bezirks mussten sich regelmäßig um die Reinigung kümmern. Mit dem Abbau der Statue wollten sie dieses Ärgernis loswerden. Die russische Botschaft jedoch protestierte – ein gutes Beispiel dafür, wie Russland in osteuropäischen Ländern Machtpolitik macht, indem es in deren Erinnerungskultur eingreift. Prager Politiker beschwerten sich im Fernsehen darüber. Es war so, als schaute man Kindern auf dem Spielplatz zu, wie sie sich ihre Spielzeuge wegnehmen. Letztlich bauten die Behörden das Monument während des Ausnahmezustands ab, in der frühen Phase der Coronakrise.

Danach gab es Gerüchte. Ein russischer Agent sei nach Prag geschickt worden, um den Bürgermeister und den Leiter der Behörden des 6. Bezirks zu vergiften. Jedenfalls standen die Familien der Betroffenen unter Polizeischutz, niemand kam zu Schaden. Diese Story endet also wie in einem schlechten Film.