Hans Egede Statue - Nuuk

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: der Kulturhistoriker Ebbe Volquardsen.

In Nuuk, im sogenannten Kolonialhafen, steht eine Statue von Hans Egede. An dieser Stelle gründeten der dänisch-norwegische Pfarrer 1721 die Kolonie Godthåb. Egede war der erste Missionar, der sich hier niederließ. 

In der Nacht auf den 21. Juni, das ist der Nationalfeiertag Grönlands, beschmierten bisher nicht identifizierte Aktivisten die Statue mit roter Farbe. Auf den Sockel der Statue sprayten sie die Muster traditioneller Inuit-Tätowierungen. Diese Tätowierungen haben unter den jungen Menschen hier in den letzten sechs Jahren eine Renaissance erlebt. Sie stehen für eine vorkoloniale Spiritualität und besonders junge Grönländerinnen lassen sich diese Motive stechen. Sie lassen damit ein vorkoloniales Erbe aufleben und zeigen, dass solch traditionelle Praktiken durch die Kolonialisierung verboten und beschädigt wurden.

An der Farbattacke hat sich eine Debatte entzündet. Junge Aktivist*innen argumentieren engagiert und eloquent auf der Basis von Theorien zum Postkolonialismus und Rassismus. Demgegenüber stehen Haltungen, die besonders von dänischen Akteuren und Medien gestützt werden. Sie werfen den Aktivist*innen Geschichtslosigkeit vor. Dieser Konflikt zieht sich durch die Generationen. Viele junge Grönländer*innen sind heute universitär gebildet, sie nähern sich der Geschichte und Gesellschaft Grönlands kritisch an. Die ältere Generation lehnt solche Aktionen und Argumente ab, weil sie Hans Egede nicht unbedingt als Symbol der Kolonialisierung sehen, sondern als Symbol des Glaubens. Viele sind sehr gläubig. Gesetzesübertretungen und ziviler Ungehorsam sind den Älteren ebenfalls unangenehm – vielleicht ist das auch eine Folge der Kolonialisierung. 

Nuuk ist eine kleine Gemeinde. Viele Leute wurden zwangsläufig in diese Diskussion hineingezogen und fühlen sich persönlich angegriffen. Die Debatten wurden sehr intensiv geführt. Gleich nach der Farbattacke startete die Stadtverwaltung von Nuuk eine Online-Umfrage: Sollte die Statue an ihrem ursprünglichen Ort stehen bleiben oder woanders platziert werden? Mit etwa 1.600 Menschen nahmen nur gut zehn Prozent der Bevölkerung Nuuks teil. 900 stimmten gegen die Verlegung, 700 dafür. 

Ich glaube aber nicht, dass hier das letzte Wort gesprochen ist. Die Debatte geht jetzt erst richtig los. Grönländer*innen in ihren Zwanzigern machen derzeit einen interessanten und bewundernswerten Prozess der Politisierung durch. Man kann hier nicht von Geschichtslosigkeit sprechen. Wer die Egede-Statue anschaut, die vorkolonialen Symbole, der sieht, dass Geschichte auch neu geschrieben werden kann.