Frauenbewegungsstatue - New York

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: die Autorin und Dozentin für Women's Studies, Dr. Sally Roesch Wagner aus den USA.

„Geschichte ist nicht immer das, was wirklich passiert ist. Sie beruht oft auf Erzählungen derjenigen, die selbst „Geschichte geschrieben“ haben. Das gilt auch für Elizabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony. Zusammen mit Matilda Joslyn Gage schrieben sie ab den 1880er-Jahren die ersten drei Bände über die Geschichte des Frauenwahlrechts in den USA. Im August diesen Jahres wurden zwei von ihnen, Stanton und Anthony, mit einer Statue in der writer's area des New Yorker Central Park gewürdigt. Kritik wurde laut, dass zwei weiße Frauen die Frauenrechtsbewegung repräsentieren sollten. Also wurde Sojourner Truth der Statue hinzugefügt. Die Afroamerikanerin war kurz Teil dieser Bewegung. Dieser Vorgang illustriert, dass wir heute eine inklusivere Geschichtsschreibung anstreben. Dennoch ist die Statue in meinen Augen reine Geldverschwendung. 

Schon vor tausend Jahren hatten hier die Frauen der indigenen Irokesen- beziehungsweise Haudesaunee-Konföderation politische Mitbestimmungsrechte. Die Frauenrechtsbewegung entstand also schon zu Zeiten, als Upstate New York noch das Land indigener Volksgruppen war. Deren Frauen ging es nicht nur um ein Stimmrecht, sondern um Autorität in allen Belangen des Lebens. Das war ein Vorbild für die weiße Frauenrechtsbewegung. Dieser Teil der Geschichte geht unter. Wer heute mit indigenen Frauen spricht weiß, dass ihnen Monumente nichts wert sind. Das Land, auf dem sie leben, ist ihnen heilig. Das sollten wir berücksichtigen. 

Die Statue im Central Park passt vielmehr in die historischen Narrative weißer privilegierter Männer, die den Status Quo erhalten. Diese Erzählungen heben besondere Individuen hervor, die Geschichte machen. Sie verschleiern aber, dass auch größere Bewegungen Einfluss nehmen. Das entmündigt Menschen, weil ihnen suggeriert wird, dass man nichts an den Verhältnissen ändern kann. Diese Statue verweist nicht auf die vielen Menschen – Frauen wie Männer –, die für Veränderungen gekämpft haben und das auch heute noch tun. 

In diesem Sinne müssen wir die Geschichte des Frauenwahlrechts in den USA neu denken. Wir müssen den Rassismus benennen, der sich mit der Zeit in diese Geschichte eingeschrieben hat. Und wir müssen die Leistungen afroamerikanischer Mitstreiter*innen anerkennen, genauso wie jene der lesbischen Frauen, die daran Teil hatten und haben. Erst wenn wir die Vielstimmigkeit dieser Bewegung anerkennen, werden wir verstehen, wo wir herkommen.“