Bismarck-Statue in Hamburg

 

Was sollten Gesellschaften von ihrer Vergangenheit erinnern? Welche Denkmäler müssen fallen, um Platz zu schaffen für eine gerechtere Zukunft? Jede Woche fragt KULTURAUSTAUSCH Expertinnen und Journalisten weltweit. Heute: Kodjo Valentin Glaeser, der Beirat der Initiative Schwarzer* Menschen in Deutschland (ISD):

„Das Bismarck-Denkmal in Hamburg wurde 1906 eröffnet, acht Jahre nach dem Tod des ehemaligen Reichskanzlers. Die Statue ist mit Sockel 34 Meter hoch und damit die größte bekannte Bismarck-Statue weltweit. Sie steht prominent auf den Elbterassen, oberhalb der Landungsbrücken mit direktem Blick auf den Hafen. Auf Bismarcks Einladung kamen 1884 bis 1885 internationale Vertreter zur Kongokonferenz nach Berlin, was weitreichende Folgen für den afrikanischen Kontinent nach sich ziehen sollte. Das Denkmal ist als ein Dankesgruß Hamburger Kaufleute an Bismarck zu verstehen, denn die Aufteilung Afrikas zog nicht nur deutsche Kolonien nach sich – sie eröffnete ihnen neue Märkte.

Ich bin in verschiedenen Initiativen aktiv, die sich mit der Rolle Hamburgs in der Kolonialzeit befassen und es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Gedenken an Bismarck kritisch zu begleiten.

Dabei muss vor allem daran erinnert werden, dass der ehemalige Reichskanzler in seiner Eigenschaft als Initiator der Berliner Kongokonferenz 1884/85 maßgeblich Verantwortung für die Kolonialpolitik des deutschen Reichs und indirekt auch Europas trägt, denn Ergebnis dieser staatsmännischen Zusammenkunft war nichts weniger als die Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter den westlichen Großmächten.

In letzter Konsequenz reicht diese Verantwortung bis hin zum Genozid an den Herero und Nama, dem zwischen 1904 und 1908 rund 80.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, wofür übrigens bis heute – fast 120 Jahre danach! – eine angemessene Entschädigung nach wie vor aussteht.

Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass sich Union und SPD im Berliner Koalitionsvertrag von 2018 zur Auseinandersetzung mit der Kolonialepoche verpflichtet haben, stellt sich mir schon die Frage, inwiefern sich das mit der Investition von knapp zehn Millionen Euro vereinbaren lässt, die jetzt für die Restauration der Bismarck-Statue vorgesehen sind.

Glaubwürdige Aufarbeitung der Kolonialgeschichte würde im Falle des Bismarck Denkmals bedeuten, dass die Erfahrungen Jener im Zentrum stehen, die durch die Verbrechen des Kolonialismus betroffen sind, da deren Stimmen bislang noch weitgehend ausgeblendet wurden.

Erst wenn die Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft, Kultur und Medien bereit sind zuzuhören, entsprechende Räume zu schaffen in denen ein kontinuierlicher Austausch stattfinden kann, besteht die Chance einen wirklichen Perspektivenwechsel einzuleiten. Das ist die Grundvoraussetzung, um zu verstehen wie wichtig es ist, die Wirkmacht kolonialer Kontinuitäten zu durchbrechen, die für Schwarze Menschen damals wie heute in Gestalt des Rassismus den Alltag dominieren.“

 

* Schwarz beschreibt hier eine politische Positionierung und ist darum großgeschrieben.