der blinde geiger in teheran

ein Gedicht von SAID

wir saßen oben auf dem hügel.

sie sorgte für einen abstand zwischen uns.

- manchmal kommen die patrouillen bis hierher.

unter uns lag teheran.

sie schaute mich kurz an, dann senkte sie den blick.

- ich weiß, diese stadt ist häßlich.

- das habe ich nie gesagt.

- aber sie ist die hauptstadt der welt.

jetzt sah sie mir in die augen.

- weil sie meine stadt ist.

in dem moment fühlte ich mich glücklich neben ihr in dieser stadt.

kurz darauf beschloß sie, daß wir hinuntergehen.

wir gingen nebeneinander und berührten uns nicht.

- wir wollen das schamgefühl unseres landes nicht verletzen.

Später, am rande eines flusses, setzten wir uns hin. vom nächsten café brachte man uns tee.

ein blinder geiger erschien und spielte für die liebenden.

- ich bin nicht die wirklichkeit, aber meine musik.

er verstaute seine geige in den kasten und fügte hinzu.

- vielleicht.

er ging, ohne uns zu berühren.

- er hat uns nicht verraten, seit wann er blind ist.

sie antwortete.

- vielleicht weiß er das selbst nicht.

plötzlich schluchzte sie.

ich hielt an mich, um sie nicht in die arme zu nehmen. dafür schaute ich ihr in die schwarzen augen voller tränen.

- meinst du, er könnte von seinem haus erzählen?

ich war ratlos und zuckte mit den schultern.

- ich weiß es nicht.

sie ging einen schritt weiter.

- wir haben ihn nicht gefragt.

mir fiel auf, daß wir die ganze zeit flüsterten – 

hat der blinde uns nicht gewarnt?

- kann ich meine dame zum abendessen einladen?

- oh, ja. die dame hat hunger.

bevor wir das lokal betraten, rückte sie ihr kopftuch zurecht.

- wir wollen niemanden provozieren.

der kellner grüßte uns und entschied sich für einen tisch in der ecke.

wir saßen einander gegenüber.

- übersetzst du mir die speisekarte?

sie salutierte.

- aye, aye, sir.

wir lachten beide.

am nebentisch saßen frauen, die kopftücher locker um den kopf drapiert. sie unterhielten sich heiter und blickten immer wieder in unsere richtung.

ich wurde unruhig, sie beschwichtigte.

- sie tun uns nichts.

sie warf einen blick in die speisekarte und sprach mit dem kellner.

- ich habe dich übergangen und das essen bestellt.

- ich bin gerne ausgeliefert.

der kellner kam mit dem besteck und dem ewigen coca cola.

er sprach mit ihr, sie schmunzelte und nickte.

- eine der frauen drüben läßt fragen, ob es uns stört, wenn sie in der ecke betet.

- welche?

sie schüttelte den kopf.

- ich weiß es nicht.

die frau stand auf, nickte uns zu, breitete ihr gebetstuch auf den boden aus und betete. sie kniete, hob die hände hoch und murmelte.

wir schwiegen.

als sie fertig war, lächelte sie uns zu und kehrte zu ihrem tisch zurück.

der kellner brachte das essen und sprach mich auf englisch an.

- wissen sie, die frau ist gläubig.

er zwinkerte und ging, meine dame lächelte.

- was ist los, kätzchen?

uff, jetzt ist auch dieses wort raus.

- der kellner ist armenier.

- und?

- verstehst du nicht? er ist christ.

ich wünschte ihr einen guten appetit, sie kreuzte die hände auf der brust und rührte nichts an.

- was ist los?

- du muß es noch einmal sagen.

- was?

- daß ich dein kätzchen bin.

ich streckte die hand hinüber zu ihrer, doch ich zog sie rechtzeitig zurück.

- ich erkläre hiermit feierlich, daß du mein kätzchen bist.

sie atmete aus.

- angenommen.

wir lachten, und ich genoß die unbefangenheit, die uns jetzt erreicht hatte.

die frauen am nebentisch brachen auf. jede neigte den kopf in unsere richtung und lächelte.

- wir sind beliebt.

- warum?

- dein kätzchen hatte nichts dagegen, daß die dame hier betete.

sie zwinkerte, langte mit der hand herüber und legte meine serviette zurecht.

nach dem essen fragte ich.

- darf ich für uns die rechnung übernehmen?

- ein herr sorgt für sein kätzchen.

der kellner erschien und nahm die geldscheine entgegen –

mit abgewandtem blick.

draußen blieb sie stehen und schaute in die allee.

- wird das kätzchen nach hause begleitet?

unterwegs, in einer dunklen ecke, warf sie sich in meine arme –

schnell trennte sie sich von mir.

wir gingen weiter, ohne wort, ohne berührung.

irgendwann begann sie zu sprechen.

von verzicht, sehnsucht, schweigen. und sie schloß mit dem satz.

- alle drei flüstern unsere namen.

dann blieb sie stehen.

- wohnst du hier?

sie schüttelte den kopf.

- zwei gassen weiter, aber du mußt jetzt gehen.

sie sah meine ratlosigkeit und legte den zeigefinger auf den rotbemalten mund –

ich gehorchte.

sie holte ein taschentuch heraus, küßte seine mitte, knotete es zusammen wie ein bündel.

- heute nacht, wenn niemand zuschaut, faltest du das taschentuch auf – 

wenn du meinen kuß bekommen willst.

ich nahm mein geschenk an und schaute zu den fenstern hinauf.

- die menschen schlafen und wissen nichts von uns.

- du irrst dich. sie wachen und beschützen uns.

wir standen uns gegenüber.

- irgendwann kommst du zu uns. du wirst meinen vater mögen und unseren hof. dann werden wir eng nebeneinander stehen und du erlebst meine tauben. sie setzen sich auf meine schulter und sprechen mit mir.

ich war ihr jetzt sehr nah und konnte nur nicken.

- ich werde jetzt die augen verdecken.

- warum?

- ich will deinen fortgang nicht sehen.

sie legte beide hände auf eine mauer und den kopf darauf.

unterwegs befühlte ich unser taschentuch und dachte über den tag nach.

plötzlich geriet ich in eine nachtkontrolle.

vor dem posten blieb ich stehen und schwieg.

einer der gardisten fragte auf englisch.

- warum schweigen sie?

ich schaute ihm in die augen.

- ich will ihren namen nicht verraten.

der gardist wandte den blick ab und winkte mich vorbei.

auf dem weg zum hotel rief ich zum wiederholten mal das bild ab, wie wir uns begegnet sind.

sie stand in einem u-bahnhof vor mir, züchtig gekleidet.

ich bestellte mir ein anderes bild.

sie hatte ein schulterfreies kleid an, und ich berührte die nackte haut.

in diesem moment drehte sie sich um und spielte mit den fransen des kopftuchs.

- hallo.

ich antwortete und unsere geschichte begann.

im hotel zog ich mich aus, legte mich ins bett und öffnete mein geschenk –

was für ein kuß!

vielleicht war er grandios, weil wir uns noch nicht berührt hatten.

irgendwann wachte ich durch einen traum auf.

jemand klopft an die tür und betritt das zimmer. sie steht nackt in der tür. mit einer hand bedeckt sie die augen, mit der anderen die scham – und sie nennt ihren namen.

in dem moment wachte ich auf.

am tag darauf waren wir verabredet, ausgerechnet vor einer moschee.

- ich gehe gerne in unsere moscheen, obwohl ich nicht bete.

- kann ich auch in den genuß kommen als europäer?

- vielleicht später, wenn du mit dem land vertraut bist.

sie schaute herüber zu mir.

- ich meine, wenn wir miteinander vertraut sind.

wir schlenderten weiter.

- weißt du, moscheen haben oft mehrere eingänge, zum durchgang sehr geeignet. ich nehme gerne diese abkürzungen und grüße dabei auch den gott.

- ich dachte, du betest nicht?

- nein, aber ich grüße ihn manchmal.

eine frau im schleier ging an uns vorbei, blicke herüber und spuckte auf die erde.

- gegen wen war diese aktion?

sie wartete, bis die frau vorbei war.

- gegen den ausländer?

sie schaute vor sich hin.

- und gegen sein kätzchen.

wieder meine ratlosigkeit.

- und was machen wir jetzt?

- wir gehen weiter.

wir gingen weiter, obwohl meine unbefangenheit verloren war.

- früher stellten die moscheen schutzzonen dar für die schwachen.

ich nickte.

- der schutz galt auch für tiere.

sie berührte wie aus versehen meinen ärmel und erzählte eine legende.

eine gazelle verirrt sich in eine moschee am rande der wüste. der imam bezeugt, das tier habe bei dem heiligen schutz gesucht, die gläubigen hätten das zu respektieren. die gazelle wird gefüttert, bis sie ihren weg in die wüste wiederfindet.

sie hielt inne und suchte mit dem blick nach dem himmel.

- die gazelle bin ich.

- ich dachte, du bist mein kätzchen.

sie schaute herüber und lächelte.

- wo ist der unterschied?