„In Bulgarien wird die russische Propaganda besonders effektiv verbreitet“

Alte Freundschaften und neue Abhängigkeiten: Ein Gespräch mit dem Soziologen Antony Galabov über die bulgarische Sicht auf den Krieg in der Ukraine

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7. April 2022

 

Herr Galabov, Sie sind in Sofia. Wie reagiert die öffentliche Meinung in Bulgarien auf den Krieg in der Ukraine?

Seit Beginn des Krieges ist eine klare Trennlinie zu erkennen: Obwohl die meisten Bulgaren nicht für Putin sind und für viele der Krieg bereits 2014 begann, hat sich eine Mehrheit gegen die Sanktionen ausgesprochen. Angesichts einer Inflation von mittlerweile zehn Prozent befürchtet ein Großteil der Bevölkerung, dass dies Auswirkungen auf ihren Lebensstandard haben könnte.

Darüber hinaus besteht die Meinung, dass man sich nicht mit der Russischen Föderation anlegen sollte, da diese viel zu mächtig sei. Ebenso ist eine Mehrheit gegen die Idee, die Ukraine militärisch zu unterstützen, da sie befürchtet, dass Bulgarien dadurch zu Kriegspartei werden könnte. Die Bilder von Butscha haben daran nichts geändert. Bulgarien ist zweifellos eines der wenigen europäischen Länder, in denen die russische Propaganda besonders effektiv verbreitet wird. Das Problem ist, dass wir keine wirkliche Erinnerungsarbeit über die Zeit der kommunistischen Diktatur geleistet haben.

Was meinen Sie damit?

Wir sind in Bezug auf Energie und Sicherheit stark von Russland abhängig. Neunzig Prozent unseres Erdgases kommen aus Russland. Unsere Armee ist immer noch überwiegend mit sowjetischem Material ausgerüstet. Einige Angehörige unserer Elite stammen aus dem ehemaligen bulgarischen Sicherheitsapparat aus der Zeit des Kommunismus. Sie sind weiterhin erfolgreich und besetzen Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und Medien.

Was ist mit der Regierung?

Die Koalitionsregierung unter dem pro-europäischen Premierminister Kiril Petkov war zwar eine der ersten, die den Luftraum für Russland schloss, aber sie war nicht in der Lage, eine Debatte über Militärhilfe für die Ukraine in Gang zu bringen. Bulgarien beteiligt sich über die Europäische Union an der Militärhilfe, hilft aber nicht direkt. Wir befinden uns in einer paradoxen Situation: Wir sind nicht in der Lage, unser Territorium im Falle eines Angriffs zu schützen. Mangels politischen Willens können wir den Ukrainern auch kein militärisches Material schicken. Gleichzeitig gibt es im bulgarischen Parlament Debatten über die Frage, ob die Präsenz von NATO-Truppen, insbesondere US-amerikanischer, auf unserem Territorium erlaubt werden soll.


 

„Es besteht die Meinung, dass man sich nicht mit der Russischen Föderation anlegen sollte, da diese viel zu mächtig sei“

 


Die Russische Föderation reagierte unverhältnismäßig auf die Schließung unseres Luftraums, indem sie dem Tourismussektor empfahl, sich von Bulgarien abzuwenden. Die bulgarischen Strände am Schwarzen Meer sind ein beliebtes Ziel für russische Touristen. Wir erwarten erhebliche Auswirkungen auf die diesjährige Sommersaison.

Wie positionieren sich die Medien?

Ein großer Teil der Presse gibt die russische Propaganda wieder. Die bulgarische Nachrichtenagentur BTA betitelte zum Beispiel ihre Rubrik über den Krieg in der Ukraine mit „Ereignisse in der Ukraine”. In den anderen großen Medien dominieren nicht die Artikel, die Sanktionen und maximalen Druck auf Russland befürworten, sondern es gibt viele Artikel, die die Verantwortung der USA oder des Westens in diesem Konflikt betonen. Medien, die eine harte Haltung gegenüber Russland einnehmen, sind nicht populär.

Welche Beziehungen bestehen zwischen Bulgarien und der Ukraine?

Unsere beiden Länder haben sehr gute Beziehungen. Es gibt große bulgarische Gemeinschaften (Schätzungen zufolge 400.000 bis 500.000 Menschen), die sich seit den russisch-türkischen Kriegen im 19. Jahrhundert in der Ukraine niedergelassen haben. Es gibt eine direkte Flugverbindung zwischen Sofia und Odessa. Bei der ukrainischen Gebietsreform von 2015-2020 achtete die Ukraine darauf, dass die bulgarischen Gemeinschaften, die hauptsächlich in den russischsprachigen Regionen im Südosten des Landes leben, nicht getrennt werden.


Das Interview führte Cécile Calla. 


Antony Galabov ist Soziologe und lehrt am Institut für Politikwissenschaft an der Neuen Bulgarischen Universität in Sofia.


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