„Ihr könnt euch nicht vorstellen, was sich hier abspielt“

Die belarussische Übersetzerin Volha Kalackaja im Gespräch

Minsk, Belarus, 6. März 2022

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Frau Kalackaja, Sie sind in Belarus. Was bedeutet die russische Invasion der Ukraine für Sie und wie reagieren Ihre Landsleute?

Das ist eine Tragödie. Meine Mutter ist 90 Jahre alt, sie war 10 Jahre alt als die Wehrmacht unser Land besetzte, sie erinnert sich noch an die Bomben, die hier fielen, das war wahrscheinlich für sie die schlimmste Erfahrung ihres Lebens. Ich will nicht, dass sie wieder etwas ähnliches erlebt. Ich will, dass niemand sowas erlebt und besonders nicht die Ukrainer. Ich fühle mich persönlich schuldig, weil wir als Zivilbevölkerung nichts dagegen machen können. Ich weiß, dass die Flugzeuge, mit denen die Ukraine bombardiert wird von meinem Land aus starten, dass diese Aggression von unserem Territorium unterstützt wird. Das ist ein furchtbares Gefühl. Am 24. Februar, als Putin wie er sagte, den Beginn dieser Spezialoperation ankündigte, habe ich einen Slogan auf ein Blatt geschrieben und in der Nähe der russischen Botschaft demonstriert. Aber niemand war da, ich war alleine und die Sicherheitskräfte der Botschaft waren bewaffnet, also bin ich wieder nach Hause gegangen.

Dann am 27. Februar habe ich die Rede von Präsident Zelensky gehört. Ich war so bewegt, dass ich nicht zuhause bleiben konnte und nochmals auf die Straße gegangen bin, dort wurde ich fotografiert und verhaftet. An diesem Tag wurden Hunderte von Menschen in Minsk und in anderen Städten verhaftet, weil sie gegen den Krieg demonstriert haben. Nach zwei Tagen wurde ich wieder freigelassen, damit ich mich um meine pflegebedürftige Mutter kümmern konnte. Aber ich werde demnächst für zwei Wochen ins Gefängnis gehen, denn ich habe gegen die Vorschriften verstoßen. Ich wurde 2021 zu zwei Jahren Freiheitsbeschränkung verurteilt, was einem Hausarrest gleichkommt, und durfte meine Wohnung an Wochenenden und nach 19:00 Uhr nicht mehr verlassen.

Glauben Sie, dass mehr Menschen in den nächsten Tagen und Wochen demonstrieren werden?

Ich denke, dass die Mehrheit der Menschen in Belarus weiß, was sich in der Ukraine wirklich abspielt. Auch wenn wir keine unabhängigen Medien haben und die offiziellen Medien das Wort Krieg meiden, können wir ja Youtube- oder Telegramkanäle anschauen. Trotzdem ist ein großer Protest sehr unwahrscheinlich, weil der Preis, den man zahlt, wenn man demonstrieren geht, einfach zu hoch ist. Am 28. Februar gingen Leute auf die Straße, um gegen diese Verhaftungswelle zu demonstrieren, aber die Polizei hat die Versammlung gleich aufgelöst und die Menschen verhaftet. Sollten die Menschen massenhaft gegen den Krieg demonstrieren, würden sie im besten Fall verhaftet werden, im schlimmsten Fall würde man auf sie schießen.

Seit der Präsidentenwahl und den anschließenden Massenprotesten im Jahr 2020 hat sich die Lage in Belarus dramatisch verändert. Das Land ist komplett totalitär eingestellt. Es gab etliche Strafverfolgungsmaßnahmen, Hunderttausende haben das Land verlassen, darunter die meisten Leute, die aktiv an den Protesten teilgenommen haben. Ich bin mir sicher: Wenn die Armee den Befehl bekommt, auf Zivilisten zu schießen, werden sie das tun. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was sich hier abspielt.

Wie reagiert die Kulturwelt ihres Landes?

Viele sind im Ausland und tun was sie können, zumindest wenn sie sich in der freien Welt befinden. Zum Beispiel hat die Autorin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch einen Text unterschrieben, der den Krieg verurteilt.

Was denken Sie von der Haltung des Westens?

Die Ukraine wird nicht genug militärisch unterstützt und ich verstehe die Ukrainer, wenn sie eine Sperrung des Luftraums verlangen. Aber die NATO-Länder und Europa haben Angst vor einem Nuklearkrieg und führen wie bei Hitler damals eine Appeasement-Politik. Putin wird nicht zu stoppen sein und für die Ukraine wird es zu spät sein. Am Ende wird sich der Westen schuldig fühlen, weil er der Ukraine nicht genug geholfen hat.


Das Interview führte Cécile Calla. 


Volha Kalackaja arbeitet als Literaturübersetzerin in Minsk und hat unter anderem Werke von Margaret Atwood oder Virginia Woolf ins Belarussische übersetzt. Sie wurde im Zuge ihrer Teilnahme an den Protesten gegen die gefälschten Wahlen im Jahr 2020 zu zwei Jahren „Freiheitsbeschränkung” verurteilt, was einem Hausarrest gleichkommt. 


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