Es ist auch unser Krieg

In der belarussischen Exilgemeinde mischen sich Schuldgefühle und überwältigende Hilfsbereitschaft

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Von Viktoryia Andrukovich, Vilnius 

25. März 2022

 

In einer kalten Nacht im Februar letzten Jahres floh ich auf dem Rücksitz eines alten „Ural”-LKWs vor politischer Verfolgung und einer drohenden Inhaftierung in Belarus. Ich wusste nicht, dass ich genau ein Jahr später Menschen wie mir helfen würde, dem Krieg in der Ukraine zu entkommen. Im Sommer 2020 erhoben sich Hunderttausende Menschen in Belarus gegen das Gewaltregime von Alexander Lukaschenko, und viele sitzen immer noch hinter Gittern. Die „Glücklichen” wie ich fanden in Polen und Litauen Schutz. Viele andere gingen in die Ukraine, wo sie sich jetzt mitten im Krieg befinden. Ich bin nun in Litauen und beteilige mich an der Sammlung von Vorräten und Medikamenten für die ukrainische Armee, das medizinische Personal und die Zivilbevölkerung an der Front. Ich helfe auch bei der Evakuierung von Menschen nach Polen und Litauen.

Die Reaktion auf die russische Invasion erfolgte unmittelbar: Tausende von Menschen – Litauer, Belarussen, Polen und auch Russen – nahmen an Antikriegskundgebungen in Solidarität mit der Ukraine teil. Hunderte boten Flüchtlingen ihre Häuser an, so auch ich. (Bei mir wohnt zurzeit eine ukrainische Frau mit Kind, die sich eine Woche lang in einem Charkiwer Keller vor dem Beschuss versteckte, bevor sie aus dem Land fliehen konnte.) Auch die litauischen Städte haben sich verändert. Vilnius ist in Blau und Gelb „umgestrichen”. Überall wehen ukrainische Flaggen, und auf den Hinweistafeln von Bussen und Bahnhöfen steht die Aufschrift „Vilnius [HERZ] Ukraine”.

 

Viele belarussische wie auch russische Wehrpflichtige wissen nicht, was wirklich vor sich geht

 

Ganz anders ist die Situation in Belarus. Nach zwei Jahren der Repression, von Folter und Schlägen wurde jeder Widerspruch unterdrückt und fast vollständig vernichtet. Mehr als tausend Belarussen sitzen seit über einem Jahr im Gefängnis, weil sie Nein zum Regime gesagt haben. Aufgrund dieser Erfahrung gehörten die Belarussen im Exil zu den ersten, die begannen, Menschen aus der Ukraine zu evakuieren und Waren und Medikamente für die Menschen an der Front zu sammeln. Belarussische Männer schlossen sich der ukrainischen Armee an, um gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen, und belarussische Ärzte versorgen jetzt verwundete ukrainische Soldaten. Es ist auch unser Krieg – und wir fühlen uns verpflichtet, bei dem, was dort geschieht, zu helfen.

Aber in Belarus kommen zu den ohnehin schon tiefen Gefühlen von Angst, Verzweiflung und Paranoia nun auch noch Schuldgefühle und Hilflosigkeit hinzu. Männer fliehen aus Belarus, aus der Sorge eingezogen und in den Kampf gegen die Ukraine geschickt zu werden. In der Zwischenzeit werden die Grenzen geschlossen, und viele europäische Länder (darunter Litauen) setzen die Erteilung von Visa für Bürger aus Belarus und Russland als Aggressorstaaten aus. Denjenigen, die bereits eingezogen wurden, werden ihre Telefone abgenommen. Sie sind damit der Desinformation und Propaganda ausgesetzt – sowohl in der Armee als auch im staatlichen Fernsehen. Viele belarussische wie auch russische Wehrpflichtige befinden sich in einem Informationsvakuum und wissen nicht, was wirklich vor sich geht.  

Trotz alledem gingen im Februar Tausende von Belarussen auf die Straße, um den Krieg abzulehnen und ihre Solidarität mit der Ukraine zu bekunden sowie die Ergebnisse eines manipulierten Referendums über die Zulassung von Atomwaffen auf belarussischem Boden zu verurteilen, das wenige Tage nach Beginn des Krieges abgehalten wurde. Nach Angaben des Menschenrechtszentrums Viasna wurden mindestens 908 Personen festgenommen, von denen 589 inhaftiert wurden und einige noch immer in Haft sind. Meine gesamte Familie, einschließlich meines Bruders im wehrpflichtigen Alter, befindet sich noch im Land. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussehen wird und was wir als nächstes tun sollen. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass wir unseren Kampf auf beiden Seiten der Grenze fortsetzen müssen, um der Freiheit von Belarus und der Ukraine willen, um der Sicherheit in ganz Europa willen.

 


Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem CrossCulture Programm des ifa


Viktoryia Andrukovich ist eine belarussische Bürger- und Menschenrechtsaktivistin und Autorin des Buches „Aufgewachsen in der letzten Diktatur Europas”. Sie lebt derzeit in Vilnius und leistet humanitäre Hilfe für Flüchtlinge, die vor dem Krieg in der Ukraine oder politischer Verfolgung in Belarus fliehen.


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