„Ich vermisse die Verantwortung gegenüber der ukrainischen Geschichte“

Die Historikerin Sofia Dyak über europäische Unterstützung

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Lwiw, Ukraine, 3. März 2022

 

Frau Dyak, Sie befinden sich in Lwiw im Westen der Ukraine, welche Atmosphäre herrscht in der Stadt?

Bis jetzt hatten wir keine Fliegerangriffe. Dafür haben wir jeden Tag Fliegeralarm, das beängstigt natürlich die Menschen, auch wenn keine Panik in der Stadt erkennbar ist. Es kommen jeden Tag sehr viele Flüchtlinge an. Schulen, Galerien und Sportsäle werden als Unterkünfte benutzt. Gerade hatte ich zwei Freunde aus Kiew da. Jetzt kamen drei Erwachsene mit einem Kind und einem Hund in dem Künstleratelier meines Mannes unter. Jeder nimmt Flüchtlinge auf, manche Leute schlafen sogar (neben der Grenze) in ihren Autos. Ich weiß nicht wie die Lage sich weiter entwickeln wird, aber ich werde hier bleiben. Ich habe keine Kinder und meine alten Eltern wohnen auch hier. Da beide krank sind, wäre es ein Albtraum mit ihnen jetzt zu fliehen. Außerdem bin ich verantwortlich für das Team des Zentrums für Stadtgeschichte, welches ich leite.

Wir hören und lesen überall, dass das Land noch nie so geeint war wie heute und dass alle hinter Präsident Zelensky stehen, teilen Sie auch diese Ansicht?

Wir sind in einer Notfallsituation und haben keine Zeit für politische Diskussionen. Das sind Gespräche, die man im Frieden führen kann. Unsere Prioritäten haben sich dramatisch geändert. Es geht um Menschenleben. Die Invasion wird von der Bevölkerung als eine große Ungerechtigkeit empfunden.

Der russische Angriff wird oft mit der deutschen Invasion während des Zweiten Weltkrieges verglichen. Was halten Sie davon?

Das sind natürlich zwei unterschiedliche Ereignisse. Aber auf die Vergangenheit Bezug zu nehmen, hilft uns die gegenwärtige Situation zu verstehen. Vor 80 Jahren wurden die ukrainischen Städte wie Charkiw, die gerade massiv bombardiert wird, auch zerstört. Wenn Sie allerdings an Lwiw denken, ist der Vergleich mit dem ersten Weltkrieg relevanter. Lwiw, das in der Vergangenheit zu Polen und später zur Habsburger Monarchie gehörte, wurde 1914 von den russischen Truppen erobert und hatte sehr viele Flüchtlinge. Heute wie in der Vergangenheit handelt es sich um eine imperiale Vision und eine radikale Ideologie. Die Frage ist wie wir wieder Frieden bekommen? Die Menschenrechte sind der Preis, den wir dafür zahlen.

Wie nehmen Sie die Reaktion der europäischen Länder, besonders die von Deutschland wahr?

Es könnte mehr Engagement geben. Unsere Städte werden bombardiert, Zivilisten werden getötet. Die Diskussion über die Mitgliedschaft der Ukraine in die EU gibt uns ein schönes Gefühl, aber man sollte es nicht nur bei der Symbolik belassen. Die Sperrung des Flugraumes würde Leben retten. Das Schuldgefühl aufgrund der Geschichte kann nicht weiter als Argument verwendet werden. Sehen Sie, es hat eine Woche gedauert bis Deutschland Waffen geliefert hat. Auch wenn der deutsche öffentliche Diskurs sich gerade ändert, ist er noch stark auf die russische Geschichte fokussiert. Ich vermisse ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der ukrainischen Geschichte. Man darf nicht vergessen, dass im Gegensatz zu Russland 100 Prozent des ukrainischen Territoriums während des zweiten Weltkrieges von Nazideutschland besetzt war. Die meisten ukrainischen Juden wurden umgebracht. Deutschland befindet sich an einem Wendepunkt, es hat die Möglichkeit sein Verhältnis zur osteuropäischen Geschichte neu zu denken. Das Wissen und die Reflexion ist meistens auf große Länder und große Städte fokussiert. Leider müssen Menschen sterben, damit es einen Perspektivwechsel gibt.


Das Interview führte Cécile Calla. 


Dr. Sofia Dyak ist Historikerin und Soziologin. Als Direktorin leitet sie das Zentrum für Stadtgeschichte in Lwiw. Diese unabhängige Forschungseinrichtung befasst sich mit Stadtgeschichtsforschung, digitalen Geisteswissenschaften und Archivierung sowie öffentlicher Geschichte.


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