„Sie betrachten diesen Krieg wie ein Computerspiel“

Der Journalist Shi Ming im Gespräch

Trier, 16. März 2022

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Shi Ming, Sie haben sich bereits 2014 mit der chinesischen Position im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine befasst. Welche Rolle kann China in diesem Krieg spielen? Könnte das Land vermitteln? 

In der aktuellen Situation und mit den von Putin angegebenen Kriegszielen kommt für China und insbesondere für Präsident Xi Jinping eine Vermittlerrolle nicht in Frage. Xi Jinping hat Putin ganz klar in seinen zentralen Forderungen unterstützt, etwa in Bezug auf die NATO-Osterweiterung, zuletzt bei ihrem persönlichen Treffen am 4. Februar diesen Jahres kurz vor dem Beginn der Olympischen Spiele. Vor diesem Hintergrund kann die Suche Chinas nach einer Balancehaltung zwischen Russland und dem Westen nur von taktischer Natur sein, solange Xi Jinping seine Unterstützung für Putin nicht ausdrücklich zurückzieht. Wenn man in Peking gebetsmühlenartig wiederholt, dass die territoriale Integrität auch der Ukraine nicht verletzt werden darf, so ist das Taktik. Aber das bedeutet auch, dass die Führung in Peking diese kriegerische Auseinandersetzung implizit ablehnt.

Was verbindet China und Russland?

Das ist eine Kernfrage. Erstmals folgen diese beiden autoritären Regime einer sehr ähnlichen Logik, nach innen wie nach außen. Nach innen hat Wladimir Putin die Presse fast gleichgeschaltet und schickt jeden, der gegen seine Kriegspolitik protestiert, ins Gefängnis. Das tut auch Präsident Xi Jinping. Das verbindet beide. Diese Gemeinsamkeit wird umso wichtiger, je mehr dieser Regierungsstil anderswo kategorisch abgelehnt wird. Das ist mit dem Schulterschluss der westlichen Länder durch die Verhängung von Sanktionen, die Verlegung von  NATO-Truppen nach Osten und die Kehrtwende der deutschen Sicherheits- und Rüstungspolitik geschehen. Geopolitisch sind beide Länder Kontinentalmächte, die sich hauptsächlich auf ihr Heer und ein Waffenarsenal zur Abschreckung stützen. Sie teilen auch in ihrer Armee und Art der Kriegsführung eine sehr ähnliche Doktrin. Das heißt, wenn sie gegen starke Gegner kämpfen, können sie sich sehr leicht gegenseitig unterstützen.

Allerdings ist diese verbindende Kraft sehr fragil. Beide Staaten haben keine stabile, interne Machtstruktur und brauchen Ablenkung durch äußere Feinde. Zudem betrachtet China Russland als potenzielle Gefahr. Die Tatsache, dass Russland gleich zu Beginn des Krieges seine Atomstreitkräfte wie auch seine pazifische Flotte in Alarmbereitschaft versetzt hat, ist für Peking sicher beunruhigend. Wen hat Putin im pazifischen Raum im Visier? Es ist nicht auszuschließen, dass Putin China als Ziel wählt, sollte Peking wieder zum gemeinsamen Feind überlaufen.

Man erinnert sich in China bis heute an eine enorme Eskalation mit der Sowjetunion in den Jahren 1968 und 1969, die mit einem Grenzstreit angefangen hatte. Die Sowjetunion stellte damals (laut mittlerweile zugänglichem Archivmaterial in Moskau) eine Million Soldaten, 10.000 Panzer und 1.000 nukleare Sprengköpfe entlang der chinesischen Grenze auf. Daraufhin normalisierte die Volksrepublik China die Beziehungen zu den USA. Daher ist es sehr schwer für China, eine Strategie des Gleichgewichtes zwischen dem Westen und Russland zu verfolgen. Auch taktisch wird das sehr schwer sein.

Wie weit ist China bereit Russland zu helfen? Mehrere amerikanische Zeitungen hatten behauptet, Russland hätte China um militärische Hilfe gebeten.

Peking muss sich genau überlegen, wie weit es bereit ist zu gehen. Dafür ist es sehr hilfreich, die Dementis aus Peking über eine militärische Hilfe genau zu studieren. Die aktuellen Statements lauten: „Davon haben wir noch nie gehört”. Das ist die zweithöchste Stufe von Dementis – sie sind sehr subtil und deuten auf eine große Vorsicht in Peking hin. Bei den Vereinten Nationen weigerte sich der chinesische Botschafter, Russlands Vorgehen als Invasion oder Angriffskrieg zu bezeichnen, geschweige denn zu verurteilen. Gleichzeitig hat sich China bei der Abstimmung des UN-Sicherheitsrates Russland nicht angeschlossen und kein Veto eingelegt, sondern sich enthalten.

Auf der wirtschaftlichen Ebene haben beide Länder am 4. Februar einige Abkommen vereinbart. Es geht um russische Gaslieferungen nach China für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Wir wissen bereits, dass es sich um ein Kompensationsangebot von China an Russland handelt. Sollte also der Westen ein Gas-Embargo beschließen, wird China einen Teil dieses Boykotts neutralisieren. Etwas ähnliches gibt es im Bereich von Getreide. China öffnet jetzt seinen Markt für russischen Weizen – nachdem er zuvor dreißig Jahre lang boykottiert wurde. Die Chinesen haben den Russen auch Angebote bei den Banksystemen gemacht. Die chinesische Währung wurde als Verrechnungseinheit angeboten. Es hilft zwar Putin nicht kurzfristig, aber mittelfristig schon. Sicherlich wird es weitere Hilfen geben, zum Beispiel in Form von Lastwagen, Lazaretten oder Nahrung für die Truppen. Bisher hat sich Peking dazu noch nicht offiziell geäußert.

Glauben Sie, dass China über die Pläne von Putin in der Ukraine informiert war?

Ganz sicher. Kurz bevor der Angriffskrieg am 24.Februar begann, hat die chinesische Botschaft in Kiew ihre Staatsangehörige aufgefordert mit einer chinesischen Flagge auf die Strasse zu gehen, falls sie ihre Häuser verlassen sollten.* Offensichtlich ging die chinesische Diplomatie davon aus, dass Kiew schnell besetzt würde. Das hatte zur Folge, dass ein paar chinesische Menschen in Kiew verprügelt wurden.

Kann man eine Parallele zu Taiwan ziehen? Droht Taiwan ein ähnliches Schicksal?

Die strategische Parallele mit Taiwan ist im Kern zwar nicht unmöglich, aber völlig unrealistisch. Man könnte meinen, und das denken vor allem die amerikanischen Republikaner, dass China die Lücke nutzen könnte, die durch die Konzentration auf die Ukraine und die Verlegung von NATO-Truppen nach Osteuropa entsteht. Taiwan bedeutet aber für China etwas anderes als die Ukraine für Russland. Die Ukraine war und ist ein Agrarland und ist ein Symbol für das russische Imperium. Taiwan besaß diesen Nimbus nie. Politisch hat Peking Taiwan schon immer als abtrünnige Provinz behandelt. Aber durch den Kriegsverlauf in der Ukraine fühlt sich die chinesische Führung sicher entmutigt, Taiwan zu attackieren.

Wie reagiert die chinesische Gesellschaft auf diesen Krieg?

Die offiziellen Medien sprechen nur von einem »Konflikt«, aber sie geben sowieso nicht den Ton an, die sozialen Medien sind deutlich wichtiger. Die ländliche Bevölkerung interessiert sich gar nicht dafür, weil sie einfach nur versucht zu überleben. In den Städten dagegen (etwa die Hälfte der Bevölkerung) gibt es einen Teil der Mittelschicht, der aktuell von Abstiegsängsten geplagt ist und nationalistisch denkt. Diese Menschen sind von dem Krieg begeistert, sie lassen sich von der inszenierten Männlichkeit Putins sehr beeindrucken. Sie betrachten diesen Krieg wie ein Computerspiel.

Dann gibt es jedoch auch einige Stimmen aus intellektuellen Kreisen, die vor einer Unterstützung der Russen warnen. Sie erinnern an eine Reihe von traumatischen Erinnerungen, etwa an das Verhältnis zwischen Stalin und Mao Zedong, oder an die Zarenzeit und die Qing-Dynastie. Es ist interessant, dass diese Stimmen nicht zensiert werden. Offenbar braucht die chinesische Führung diese Meinungen ebenfalls, wohl für den Fall, dass sich ihre Position eines Tages ändern könnte. Das gibt mir Hoffnung für einen eventuellen Kurswechsel.

 


*Quelle: Chinesische WeChat-Screenshots / Das Interview führte Cécile Calla. 


Shi Ming, geboren 1957 in Peking, ist Schriftsteller, Journalist und Berater. Er schreibt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, Le Monde diplomatique, Neue Zürcher Zeitung, Welt und taz und arbeitet für das öffentlich-rechtliche Fernsehen sowie für den Deutschlandfunk. Shi Ming lebt in Trier.


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