„Es herrschte absolute Stille“

Illustrator Sergiy Maidukov aus Kyjiw schuf die Titelillustrationen für dieses Dossier. Ein Gespräch über Freiwilligenarbeit, selbstorganisierte Hilfe und das Zeichnen als Dokumentation

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Kiew, 12. April 2022

 

Herr Maidukov, Sie leben in Kiew und üben weiter Ihren Beruf als Illustrator aus. Gleichzeitig engagieren Sie sich in der Freiwilligenarbeit und haben eine Familie zu versorgen. Wie sind Sie in den letzten Wochen zurechtgekommen?

Am Anfang stand ich unter Schock. Mit dem ersten Tag des Krieges schickten meine Frau und ich unsere Tochter mit meinen Eltern in die Westukraine und dann weiter nach Polen. Ich bin zu ein paar Freunden gezogen, damit keiner von uns allein in seiner Wohnung sein musste. Das machte es leichter, den ständigen Bombenalarm, die Explosionen und das Maschinengewehrfeuer zu ertragen. Ich habe in den ersten Tagen Blut gespendet, viele Skizzen gemacht und bei der Vorbereitung von Molotow-Cocktails geholfen. Bald haben wir begonnen, freiwillige Gemeinschaften zu organisieren, um dem Militär Vorräte und Lebensmittel zu liefern, Krankenhäuser mit Medikamenten zu versorgen usw. Ich habe auch mit mehreren Journalisten als Fixer gearbeitet.

Eine Ihrer Lieferungen führte Sie am 7. April auch nach Butscha. Was haben Sie auf dieser Reise erlebt?

Zunächst einmal ist das Reisen schwierig. Die Straßen sind eng und überfüllt mit großen Militärfahrzeugen, Krankenwagen, Freiwilligen und Einheimischen, die zurückkehren, um nach ihren Häusern zu sehen. Die Strecke von Kiew nach Butscha kann man normalerweise in 30 Minuten zurücklegen, aber wir haben mehr als drei Stunden bis dahin gebraucht.

Ein großes Problem ist, dass die gesamte Region mit Landminen übersät ist, die das russische Militär hinterlassen hat. Niemand darf die Straßen verlassen oder auch nur die schmalen Baumstreifen entlang der Straßen betreten, weil die Minen noch nicht vollständig geräumt wurden. In und um Butscha sieht man diese großen Minenräumfahrzeuge und auch technische Servicefahrzeuge. Die Stadt wurde relativ schnell geräumt. Aber die Vokzalna-Straße, die seit dem Rückzug des russischen Militärs auf so vielen Fotos zu sehen war, war noch immer mit Trümmern von verbrannten Fahrzeugen und anderem Müll übersät.

Und wie war Ihr Eindruck von der Situation in der Stadt?

Es gab viel ukrainisches Militär in und um die Stadt. Und Butscha war voll von Journalisten. Sie waren überall und haben Fotos gemacht. Wir waren nach Butscha gefahren, um Lebensmittel für die Anwohner zu spenden. In Butscha gibt es drei Sammelstellen, an denen Freiwillige spenden können und zu denen die Einwohner kommen können, um Lebensmittel abzuholen.

Es waren buchstäblich keine jungen Leute zu sehen. Wir sahen nur alte Menschen, zwischen sechzig und neunzig Jahren alt. Einige waren äußerst still und grau, vermieden jeden Blickkontakt und sprachen mit niemandem. Sie wollten nur ihr Essen einsammeln und in Ruhe gelassen werden. Sie sahen aus, als ob sie nur ans Überleben denken könnten.

 


„Diese Leugnung von Fakten hat mich 2014 noch schockiert, aber jetzt nicht mehr. Ich habe erwartet, dass jetzt alles geleugnet wird.“


 

Was ist das für ein Gefühl, wenn so viele Journalisten kommen und aus der Ukraine berichten? Sehen Sie das als Unterstützung?

Wenn ich von Kiew spreche, bin ich froh, dass ich hier Journalisten sehe. Sie helfen uns, mit der Welt zu kommunizieren. Die Arbeit als Fixer fühlte sich allerdings etwas anders an. An einem Tag zu Beginn des Krieges arbeitete ich mit zwei europäischen Journalisten zusammen, die schon vorher über Kriege berichtet hatten, zum Beispiel in Afghanistan.

Wir fuhren in das Dorf Marhalivka, das bombardiert worden war. Dort sahen wir einen Mann, der den riesigen Krater seines zerstörten Hauses durchsuchte. Er hatte eine Prellung, sein halbes Gesicht war blau und geschwollen. Er hatte seine Frau und seine beiden Töchter bei dem Angriff verloren. Man konnte noch den blutigen Stuhl sehen, auf dem eine der beiden gesessen hatte. Und es herrschte absolute Stille.

Die Journalisten machten Fotos und befragten ihn, ich übersetzte. Danach sah ich, dass der Mann die Trümmer weiter nach Dokumenten und vielleicht etwas Geld durchsuchte. Ich bat die Journalisten, mich für den Tag zu bezahlen, weil ich das Geld dem Mann geben wollte. An diesem Punkt begann der Journalist zu diskutieren, dass er mir weniger für den Tag zahlen wollte als ursprünglich vereinbart. In Anbetracht der Situation, die wir gerade erlebt hatten, war das sehr verstörend.

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf der russischen Medien um, alles sei gefälscht und erfunden?

Ich komme ursprünglich aus Donezk und habe dort noch immer Familie. Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste russische Invasion in der Ukraine im Jahr 2014. Damals behaupteten die russischen Medien, dass sie nicht auf Privathäuser schießen würden. Zur selben Zeit wurde der Wohnblock, in dem meine Eltern lebten, von einer Rakete getroffen, deren Flugbahn darauf hindeutete, dass sie von einer russischen Position aus abgeschossen wurde. Diese Leugnung von Fakten hat mich 2014 noch schockiert, aber jetzt nicht mehr. Ich habe erwartet, dass jetzt alles geleugnet wird, dass die Fakten auf den Kopf gestellt werden würden.

 


Das Interview führte Sandra Rendgen. 


Sergiy Maidukov ist Illustrator und lebt Kiew​​​​​​​. Er arbeitet freiberuflich für internationale Medien wie The New Yorker, Zeit und Economist. 


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