„Dieser Krieg ist der Anfang vom Ende des Regimes“

Die russische Journalistin Natalia Donskowa im Gespräch

Region Rostow am Don, Russland, 2. März 2022

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Frau Donskowa, wie haben Sie von der russischen Invasion erfahren und was haben Sie gedacht?

Ich schlafe meistens lange und an diesem Tag, dem 24. Februar, bin ich am Nachmittag aufgewacht. Als ich ins Internet ging und die News gelesen habe, konnte ich es nicht glauben, ich war geschockt, ich dachte die ganze Zeit es sei ein Albtraum. Ich empfinde tiefe Trauer und Schuldgefühl für die Menschen, die in der Ukraine sterben. Ich denke die ganze Zeit an den Krieg. Ich unterstütze die Ukraine und nicht Putin.

Wie haben die Menschen in ihrer Umgebung reagiert?

Alle Menschen, die mir nahe stehen, sind schockiert - meine Mutter, die bald 70 Jahre alt wird, meine Kollegen, meine Freunde. Ich kenne auch viele Leute, die Familie in der Ukraine haben. Gleichzeitig kenne ich viele Menschen, wie ehemalige Kollegen von mir, die Putin unterstützen. Ich habe versucht mit ihnen zu sprechen, aber sie wollen davon nichts hören, sie haben mich auf ihren Accounts blockiert. Sie haben Angst um ihre Jobs und um ihre Kinder. Deshalb wollen sie auf der Seite der Macht bleiben. Eine Umfrage des Forschungsinstituts FOM zeigte, dass die Popularität von Präsident Putin von 60 Prozent auf 71 Prozent gestiegen ist, nachdem er die ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk als eigenständige Republiken anerkannt hatte.

Wo konzentrieren sich die Proteste und welche Risiken gehen die Menschen ein?

Die Leute gehen vor allem in den großen Städten auf die Straße. Es gab Proteste in mehreren Städten – nicht nur in St. Petersburg oder Moskau, sondern auch in Sibirien und Tatarstan. Mehr als 6.800 Menschen wurden laut der Plattform OVD-Info im Zusammenhang mit den Protesten festgenommen. Denjenigen, die Geld in die Ukraine geschickt haben, wurden die Konten gesperrt. Ich kenne auch Chatgruppen, in denen die Leute Hilfe für die Ukraine organisieren wollen. In kleineren Städten wie die, in der ich mich befinde und wo viele Beamte leben, hat niemand demonstriert. Ich bin mir aber sicher, dass die Anti-Kriegsbewegung wachsen wird, spätestens wenn die Auswirkungen der Sanktionen spürbar werden und wenn die Bevölkerung merkt, dass dieser Krieg viele russische Soldaten das Leben gekostet hat. Etwa 1,1 Millionen Menschen haben eine Online-Petitiongegen den Krieg unterschrieben. Ich bin mir sicher, dass dieser Krieg der Anfang vom Ende des Regimes ist.

Ist es möglich, sich in Russland objektiv über den Krieg zu informieren?

Wir haben noch ein paar unabhängige Medien, aber deren Berichterstattung wurde zusätzlich erschwert, da die Worte „Krieg”, „Angriff” und „Invasion” verboten sind. Dazu versucht die russische Regierung Facebook zu blockieren. Für diejenigen, die kein VPN benutzen um die Online-Blockaden zu umgehen, und/oder die Arbeit von Menschenrechtsaktivisten nicht kennen, ist es dann in der Tat sehr schwer sich zu informieren.

1 Eine Initiative des Oppositionspolitikers Lew Ponomarjow // Das Interview führte Cécile Calla. 


Natalia Donskowa, 39 Jahre alt, arbeitet als freie Journalistin und Menschenrechtsaktivistin in der Region Rostow am Don (Süd-Russland).


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