„Putin muss immer aggressiver werden“

Der Soziologe Mischa Gabowitsch über die Radikalisierungsdynamik innerhalb der Regierung Putin

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Berlin, 25. Februar 2022

 

Herr Gabowitsch, was will Wladimir Putin mit dem Angriff auf die Ukraine erreichen? Lässt sich dieser Schritt überhaupt geopolitisch erklären oder nur durch eine historisch-ideologische Brille?

Wir sollten uns von dem Gedanken verabschieden, dass hinter jedem Schritt Putins ein rationales Kalkül steht. Sicher fühlt er sich durch seine militärischen Erfolge in Georgien, Syrien, auf der Krim und im Südosten der Ukraine beflügelt. Außerdem gibt es eine außen- und vor allem innenpolitische Radikalisierungsdynamik: Zum Erhalt seines Systems muss er immer aggressiver werden. Nicht weniger wichtig ist aber aus meiner Sicht, dass er von verängstigten Jasagern umgeben ist und offensichtlich kein Gefühl mehr für mögliche Konsequenzen hat. Und er handelt ganz klar aus Ressentiment heraus.

Wie nehmen Sie die inner-russische Reaktion auf den Krieg wahr? Wird Putins Invasion von der breiten Masse getragen werden?

Das werden sie ganz eindeutig nicht. Anders als im Fall der Krim gibt es offensichtlich nur eine Minderheit, die wirklich ideologisch hinter dem Angriffskrieg steht oder das Gefasel von einer begrenzten Militäroperation für bare Münze nimmt. Auch die meisten derjenigen, die der Ukraine die Schuld für den Krieg im Südosten geben, sind keinesfalls für diese Invasion. Die breite Masse in Russland ist verängstigt und fühlt sich machtlos. Aber es protestieren auch nicht wenige, gerade angesichts der massiven Repressalien. Natürlich müssten es mehr sein, natürlich haben die Menschen in der Ukraine oder in Belarus mehr Mut bewiesen – aber man darf nicht vergessen, wie brutal das Vorgehen des russischen Staates gegen Protestierende in den letzten zehn Jahren war.

Wie berühren die Ereignisse, die sich seit dem 24. Februar in der Ukraine abspielen, Sie persönlich?

Ich bin ständig in Kontakt mit Freundinnen und Freunden und Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine, die unter Beschuss stehen oder von der Außenwelt abgeschnitten sind, fliehen mussten oder selbst Hilfe für Flüchtlinge organisieren. Und mit Ukrainerinnen und Ukrainern im Ausland, die um ihre Verwandten bangen. Außerdem auch mit Menschen in Russland und Belarus, die gegen den Krieg protestieren. Emotional mit am schwersten für mich ist es, dass in meinem unmittelbaren Umfeld hier in Deutschland viele so weitermachen, als sei nichts passiert, mit Smalltalk, Witzchen und business as usual. Ich frage mich, ob sie sich am 11. September 2001 auch so verhalten haben. Kein Ereignis zu unseren Lebzeiten ähnelt dem 1. September 1939 so sehr wie der gestrige Tag, bei allen Unterschieden. Angesichts der schwachen deutschen Reaktion kommt mir das ganze selbstbezogene hiesige Aufarbeitungs- und „Nie-Wieder”-Gefasel wie ein schlechter Witz vor – und ich spreche als jemand, der seit fast zwei Jahrzehnten zu Erinnerung und Gedenken forscht.  

Das Interview führte Kai Schnier. 


Mischa Gabowitsch, geboren 1977 in Moskau, ist Soziologe und Zeithistoriker. In seiner Forschung befasst er sich vorrangig mit Gedenkpraktiken, Kriegsdenkmälern und Militärfriedhöfen sowie Protest und sozialen Bewegungen, insbesondere im postsowjetischen Raum. Er promovierte an der École des hautes études en sciences sociales in Paris und lehrte an der Princeton University. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Einstein Forum in Potsdam tätig. Außerdem war er erster Chefredakteur der russischen sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Laboratorium und arbeitete zehn Jahre lang als Übersetzer wissenschaftlicher Bücher und Aufsätze. Mischa Gabowitsch lebt in Berlin.


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