„Jeder russische Bürger wird die Konsequenzen spüren“

Viele Russen wollen Putins Argumenten glauben und der öffentliche Protest verebbt. Die russische Dozentin Ljubov Vaskova im Gespräch über die Situation in St. Petersburg

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4. April 2022

 

Frau Vaskova, Sie haben in den letzten Wochen in St. Petersburg an Friedensdemonstrationen teilgenommen. Gibt es derzeit noch öffentlichen Protest?

Ich war bis letzte Woche jeden Samstag und Sonntag auf dem Newski-Prospekt vor dem Kaufhaus Gostiny Dwor demonstrieren. In den ersten Wochen Ende Februar und Anfang März waren viele Leute aus allen Altersgruppen da, auch mit Transparenten.

Letzte Woche konnte man schon kaum noch hingelangen. Überall an den Zugängen zum Gostiny Dwor standen Sicherheitskräfte der Nationalgarde und haben haufenweise Leute mitgenommen. Schon seit Beginn des Krieges standen da jede Woche diese riesigen grauen Gefängnistransporter rechts und links am Gostiny Dwor auf der Straße, in die sie die „Randalierer“ eingesperrt haben.

Was passiert mit den Verhafteten?

Zuerst nimmt man sie mit auf die Polizei, dort wird ein Protokoll aufgenommen. Sehr schnell danach gibt es einen Gerichtsprozess. Beim ersten Mal gibt es eine Geldstrafe von derzeit 40.000 Rubel. Das ist für normale Leute schon ziemlich viel Geld. Und bei der zweiten Festnahme gilt es als Straftat mit einer Gefängnisstrafe nicht unter zwei Jahren.

Ich bin immer mit einem jüngeren Paar zusammen zu Demonstrationen gegangen. Sie wurden schon im Januar bei den Nawalny-Protesten festgenommen und mußten die Geldstrafe zahlen. Sie haben zwei kleine Kinder und wollen jetzt verständlicherweise das Risiko nicht mehr eingehen. Seither bin ich oft alleine zu Demonstrationen gegangen. Und so geht es vielen. Die Leute haben Angst, und die Proteste nehmen ab.

 


”Bei der ersten Festnahme gibt es eine Geldstrafe von 40.000 Rubel. Das ist für normale Leute schon ziemlich viel. Bei der zweiten Festnahme gilt es als Straftat mit einer Gefängnisstrafe nicht unter zwei Jahren“


 

Wie informieren Sie sich, welche Medien verfolgen Sie?

Ich folge den offiziellen russischen Medien schon seit mehreren Jahren kaum noch. Es wird dort einfach zu viel Unwahrheit verbreitet und ich möchte mir meine eigene Meinung bilden. Derzeit schaue vor allem YouTube-Kanäle wie FEYGIN LIVE oder Nawalny LIVE, aber ich folge auch jungen Leuten wie Michail Naki, ein sehr interessanter Analytiker, und Yuri Dud. Bis jetzt sind sie über das Internet zugänglich.

Man kann den Unterschied zwischen den alternativen und offiziellen Medien auch an ganz konkreten Beispielen beobachten. Die staatlichen Kanäle zeigen dieselben schrecklichen Bilder aus der Ukraine. Aber über den Kontext wird nur äußerst bruchstückhaft berichtet. Die alternativen Kanäle liefern zu den gleichen Bildern vollkommen andere und umfassendere Erklärungen.

Können Sie in Ihrem Umfeld offen über den Krieg sprechen? Sind sich die Leute bewusst, was in der Ukraine vor sich geht?

Zunächst einmal: Es ist Heuchelei, ihn als Spezialoperation zu bezeichnen. Und wenn die Leute hier sagen, Politik interessiert mich nicht, dann ist das ebenfalls Heuchelei. Dieses Verhalten macht das Schreckliche überhaupt erst möglich: Wenn wir akzeptieren, dass die Dinge nicht beim Namen genannt werden, dann geschieht das Unvorstellbare.

Ja, es gibt Gespräche in meinem Umfeld. Aber die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Ich habe einen großen Bekanntenkreis, und wirklich offen sprechen kann ich nur mit drei Leuten. Alle anderen sagen: „Die Wahrheit ist doch, dass schon vor acht Jahren ein Krieg begann.“ Aber es war ja auch damals schon die russische Einmischung, die den Krieg im Donbass ausgelöst hat. Unsere Leute hier wollen nicht akzeptieren, dass Russland daran eine Schuld hat – sie haben Angst.

Aber nach dem 24. Februar geht es nicht mehr darum, ob man die staatlichen Informationen glaubt oder nicht glaubt. Es geht darum, ob man es glauben will oder nicht will. Es geht darum Verantwortung zu übernehmen. Man kann sich der Panik ergeben und sich verstecken, sich raushalten. Oder man kann versuchen, etwas sinnvolles zu tun. Aber die Handlungsmöglichkeiten sind hier extrem beschränkt.

Haben die Sanktionen irgendwelche Auswirkungen auf Ihren Alltag? Wie reagieren die Menschen darauf? 

Das ist sehr unterschiedlich. Westliche Produkte und westliches Essen sind für viele Menschen hier sehr teuer. Für diejenigen, die sich das bisher leisten konnten, ist es natürlich traurig, dass westliche Marken verschwinden. Aber sehr viele Menschen konnten sich das schon vor dem Ukraine-Krieg nicht leisten, und für die ändert sich natürlich auch wenig, wenn McDonalds weg ist.

Manche sagen: „Ist doch gut, wir brauchen keine Importe.“ Aber die Leute verstehen nicht, dass wir im 21. Jahrhundert leben, in einer globalisierten Welt. Die Bürger Russlands werden die Auswirkungen der Sanktionen dreißig Jahre lang spüren. Auch diejenigen, die das Problem jetzt nicht sehen wollen.

Wie konnte Putin eine Situation schaffen, in der viele Russen einen Krieg gegen die Ukraine befürworten?

Ich bin die Tochter eines Kriegsveteranen. Ich wollte immer wissen, was mein Vater während des Krieges gemacht hat. Mein Vater hat diese Gespräche immer vermieden. Später habe ich versucht mehr über die ersten Kriegsjahre nach 1941 herauszufinden, aber die Archive sind noch immer nicht vollständig geöffnet. Wladimir Putin hat 2020 entgegen seiner Ankündigungen entschieden, dass das auch noch weitere 30 Jahre so bleibt.

Und das ist ein größeres Problem. Wir reden viel über den Sieg 1945, aber wir wissen wenig über die Hölle des Krieges. Wir wissen wenig darüber, wie die stalinistischen Politiker im Krieg agiert haben. Wenn die Leute wirklich verstehen würden, was Krieg bedeutet, dann würden sie auch nicht so leicht einen neuen Krieg befürworten.


Das Interview führte Sandra Rendgen. 


Ljubov Vaskova wurde 1955 in Leningrad geboren. Sie unterrichtete bis zu ihrer Pensionierung als Dozentin für Kunstgeschichte und lebt in St. Petersburg. 


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