Fragiles Gleichgewicht

Wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten prägen die kirgisische Politik. Die meisten Bürger dagegen unterstützen die Ukraine

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Von Liliya Ten

25. März 2022

 

„Nein zum Krieg”, „Nein zu Gewalt”, „Hände weg von der Ukraine”. Diese Parolen fallen auf den Kundgebungen gegen den Krieg in der Ukraine in Kirgistan. Eine dieser Kundgebungen fand am 28. Februar vor der russischen Botschaft in der Hauptstadt Bischkek statt. Auch vor der ukrainischen Botschaft versammelten sich Menschen, um ihre Unterstützung zu zeigen. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen und Handgreiflichkeiten mit mehreren Putin-Anhänger*innen, die sich den Demonstrierenden entgegenstellten.

Dennoch besteht kaum ein Zweifel, dass die Mehrheit der Bürger*innen in Kirgistan den Militärangriff Russlands ablehnt, und das nicht nur weil der Krieg wirtschaftliche und politische Auswirkungen im eigenen Land haben wird. „Wir sind hier, um gegen Krieg und Aggression zu demonstrieren. Der Krieg in der Ukraine könnte anderen Diktatoren im post-sowjetischen Raum als Vorbild dienen. Er kann auch uns betreffen”, sagte ein Demonstrant.

Der Finanzexperte Azat Kendirbaev erwartet, dass der bereits stark gefallene kirgisische Som (die Landeswährung) noch mehr an Wert verliert, während die Preise für Kraftstoff und Lebensmittel weiter steigen. „Der Wechselkurs des Som wird in den nächsten Wochen einbrechen”, sagte Kendirbaev. „Der Wechselkurs des Rubels wird ebenfalls sinken. Damit wird das Geld von Millionen von Migrant*innen, die in Russland arbeiten, zu Toilettenpapier.” Die medizinische Versorgung im Lande ist bereits jetzt bedroht, da etwa sechzig Prozent aller Medikamente aus der Ukraine und Russland stammen.

 

Der Wechselkurs des Som wird einbrechen, wie auch der des Rubels. Damit wird das Geld von Millionen Arbeitsmigrant*innen zu Toilettenpapier.

 

Die kirgisische Regierung zeigt sich weiterhin zurückhaltend. Nach dem Amtsantritt des neuen Präsidenten Sadyr Dschaparow im Januar 2021 hatte sich das Verhältnis zwischen Kirgistan und Russland abgekühlt. Aber etwa eine Million Kirgis*innen leben und arbeiten in Russland – und für die meisten von ihnen ist der legale Aufenthalt im Land mit zahlreichen Hindernissen verbunden. So müssen sie sich seit Anfang 2022 alle drei Monate einer medizinischen Untersuchung unterziehen. Diese beinhaltet auch einen HIV-Test.

Die kirgisische Regierung will mit Russland in Verhandlungen treten, um dieses Problem zu lösen. Jedoch weiß sie auch, dass dieser Dialog nicht möglich sein wird, sollte Kirgisistan die Ukraine offen unterstützen. Präsident Sadyr Dschaparow und das Außenministerium haben die Konfliktparteien zu einer friedlichen Lösung aufgerufen. „Ich bin davon überzeugt, dass die Situation mit friedlichen diplomatischen Mitteln gelöst werden muss”, erklärte Sadyr Dschaparow auf seiner offiziellen Facebook-Seite. „Das menschliche Leben ist das wertvollste Gut auf der Welt”. Doch bei der Abstimmung zur UN-Resolution am 2. März 2022, die den Abzug der russischen Truppen forderte, enthielt sich Kirgisistan seiner Stimme.

 


Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem CrossCulture Programm des ifa


Liliya Ten ist eine kirgisische Feministin und Aktivistin. Seit über 10 Jahren setzt sie sich für LGBTQI-Rechte, Frauenrechte und HIV-Prävention ein. Derzeit leitet sie die NGO „The Grace” und ist Geschäftsführerin und Chefredakteurin der internationalen NGO Life4me.plus.


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