Geteiltes Land

In Aserbaidschan gehen die offiziellen und privaten Reaktionen auf den Krieg sehr weit auseinander

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Von Ismayil Fataliyev, Baku 

25. März 2022

 

„Wir müssen die Ukrainer unterstützen”, sagt ein Einwohner von Baku, der Lebensmittel und andere lebenswichtige Dinge zur ukrainischen Botschaft in der aserbaidschanischen Hauptstadt gebracht hat. „Die Besatzer töten die einfachen Leute.” Die Spenden- und Fundraising-Kampagne entstand aus einer Kundgebung heraus, die kurz nach Kriegsbeginn am 27. Februar 2022 vor der Botschaft der Ukraine stattfand. Die Teilnehmer skandierten: „Nein zum Krieg! Ukrainisches Volk, die Aserbaidschaner sind mit dir!”, „Putin raus!”, „Russland ohne Putin!” und „Das ist nicht der Krieg des russischen Volkes, das ist Putins Krieg!” Das war ein seltenes Ereignis in einem Land, in dem es um die Versammlungsfreiheit schlecht bestellt ist.

Der russische Einmarsch in die Ukraine hat Aserbaidschan in zwei Hälften gespalten, und das nicht nur wegen der etwa ein Dutzend Aserbaidschaner, die bisher Berichten zufolge Opfer geworden sind. Auf der einen Seite zeigen die Bürger ganz offen ihre Unterstützung für die Ukrainer. Auf der anderen Seite ziehen es die aserbaidschanischen Behörden vor, zu schweigen und ihre Unterstützung nur indirekt oder symbolisch zum Ausdruck zu bringen. Ein Beispiel für verdeckte Hilfe lieferte etwa die staatliche aserbaidschanische Ölgesellschaft SOCAR. Ihr gehören viele Tankstellen in der Ukraine. Sie bot Krankenwagen, Feuerwehrleuten und anderen ukrainischen Fahrzeugen, die sozialen Dienste angehören, kostenloses Benzin an. In Baku wurden die Flame Towers, drei Glasgebäude, die als Wahrzeichen der Stadt gelten, in den Farben der ukrainischen Flagge beleuchtet, um symbolisch zu unterstützen. Die Regierung hat darüber hinaus auch humanitäre Hilfe geschickt.

 

Die aserbaidschanischen Behörden bringen ihre Unterstützung für die Ukraine nur indirekt oder symbolisch zum Ausdruck.

 

Die meisten Menschen sind jedoch der Meinung, dass diese Unterstützung nicht ausreicht angesichts der historischen Verbindungen zwischen den beiden Völkern. Im Krieg gegen Armenien um die umstrittene Region Berg-Karabach im Jahr 2020 stand die Ukraine fest an der Seite Aserbaidschans und unterstützte die territoriale Integrität Aserbaidschans. „Die Situation in und um die Ukraine gibt Anlass zu ernster Sorge”, war alles was das aserbaidschanische Außenministerium verlauten ließ, womit es die Kritik der Opposition auf sich zog. Der Vorsitzende der Gleichheits-Partei Müsawat, Arif Hajili, warnte: Wenn Russland mit diesem Krieg Erfolg habe, werde „der postsowjetische Raum, einschließlich Georgien und Aserbaidschan, als nächstes dran sein”.

Die vorsichtige Haltung der aserbaidschanischen Behörden erklärt sich aus der Rücksicht auf Hunderttausende Aserbaidschaner, die in Russland leben und arbeiten – und auf die Überweisungen, die sie nach Hause schicken. Sie wären das perfekte Druckmittel für den Kreml, sollte Aserbaidschan eine klar antirussische Haltung einnehmen. Aber es gibt auch gute persönliche Beziehungen zwischen der aserbaidschanischen und der russischen Führung. Am wichtigsten ist nach Ansicht von Beobachtern eine Erklärung über die Zusammenarbeit zwischen Russland und Aserbaidschan. Sie wurde an dem gleichen Tag unterzeichnet, an dem Putin die Unabhängigkeit von Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine anerkannte und damit den Krieg auslöste.

Es ist offensichtlich, dass Aserbaidschan durch sein Schweigen versucht, die russische Führung nicht zu verärgern. Der Journalist Farid Hasanow aus Baku meint, Aserbaidschan könne seine offizielle Position damit begründen, dass es angeboten habe, als Vermittler aufzutreten, ein Angebot, das der ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyi begrüßt hat. Aserbaidschan folgt in dieser Hinsicht der Türkei – allerdings mit einem deutlichen Unterschied, so Hasanow: „Die Türkei hat sich offen für die territoriale Integrität der Ukraine ausgesprochen.”

 


Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem CrossCulture Programm des ifa


Ismayil Fataliyev arbeitete seit 2011 für mehrere nationale Fernsehsender und Online-Medien in Aserbaidschan. Er schreibt außerdem für nationale und internationale Medienplattformen über zivilgesellschaftliche Projekte und NGOs und ist Projektkoordinator des aserbaidschanischen Journalistennetzwerks.


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