„Für mich gibt es schon seit acht Jahren Krieg“

Die ukrainische Aktivistin Anna Gvozdiar über die Motiviation der ukrainischen Verteidigung und die lange Geschichte russischer Aggressionen in der Ukraine

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Region Winnyzja, 23. März 2022

 

Frau Gvozdiar, vor einem Monat hat der Krieg angefangen. Wie hat sich seither Ihr Leben verändert?

Ich habe meine Wohnung in Kiew verlassen und halte mich bei meinen Eltern in einer kleinen Stadt nahe Winnyzja (etwa 300 km südwestlich von Kiew) auf. Aber ich fahre sehr regelmäßig nach Kiew, um der Armee zu helfen. Für mich gibt es schon seit acht Jahren Krieg. Seit die Krim annektiert und der Donbass besetzt wurde, habe ich kein Gefühl der Sicherheit mehr. 2014 bin ich in die östlichen Gebiete gefahren und arbeitete eine Zeit lang als Beraterin des Gouverneurs in Luhansk. Damals habe ich auch angefangen, neben meinem Beruf als Freiwillige die ukrainische Armee zu unterstützen. Ich begriff, dass wir bei diesem Feind mit allem rechnen müssen. Auch, dass eventuell chemische oder gar nukleare Waffen gegen uns eingesetzt werden. Deswegen war der Beginn der Invasion überhaupt keine Überraschung für mich.

Trotzdem ist das eine andere Situation seit dem 24. Februar. Wie gehen Sie damit um?

Wir verlieren jeden Tag Freunde, in manchen Städten leben Leute unter sehr schweren Bedingungen, Menschen verschwinden. Auch wenn ich Angst habe, versuche ich zu helfen, so gut ich kann. Sollte es nötig sein, bin ich auch bereit zu kämpfen. Wir haben sowieso keine andere Möglichkeit. Wir haben nicht die Illusion, dass dieser Krieg morgen oder in ein paar Wochen beendet wird. Wir werden diesen Krieg gewinnen. Wir haben ihn bereits gewonnen. Was wir nicht wissen ist, was er uns kosten wird: wieviele zerstörte Städte, wieviele Verletzte und Tote?

Was machen Sie, wenn Sie nach Kiew fahren?

Ich organisiere Verschiedenes für die Armee. Zum Beispiel besorge ich Schutzwesten und Helme für unsere kämpfenden Männer und Frauen oder bringe ihnen Medikamente. Dann schaue ich nach meiner Wohnung im Zentrum der Stadt. Das tut gut, es vermittelt mir ein Gefühl der Normalität. Es ist sehr schmerzhaft, seine Sachen hinter sich zu lassen. Immer fragt man sich, was man mitnehmen soll. Der Ort in dem man lebt, ist immer mit Erinnerungen verbunden. Viele Freunde sind in Kiew geblieben und sind der Territorialen Verteidigung beigetreten. Ich wollte die Stadt eigentlich nicht verlassen, aber mein Freund, der in der Armee dient, hat mich darum gebeten.

Welche Atmosphäre herrscht aktuell in Kiew?

Es sieht natürlich viel leerer als sonst aus, aber das Leben geht irgendwie weiter. Manche Cafés, Restaurants und Geschäfte haben wieder geöffnet, denn obwohl viele Leute die Stadt verlassen haben, gibt es auch viele, die weiter dort arbeiten. Meine Agentur, für die ich bis zu Beginn des Krieges gearbeitet habe, ist allerdings geschlossen.

Hätten Sie vor einem Monat damit gerechnet, dass die ukrainische Armee einen solchen Widerstand leisten würde?

Natürlich! Unsere Armee ist sehr motiviert. Unser Land, unsere Städte, unsere Eltern zu verteidigen ist ja nicht irgendein Job. Ich werfe den anderen Ländern nicht vor,  dass es ihnen egal ist. Diese russische Invasion betrifft jedoch zuerst die Ukraine und dann Europa. Ich war froh festzustellen, dass Europa nun endlich verstanden hat, dass nicht nur die Ukraine bedroht ist, sondern auch Europa. Im Jahr 2014 haben sie nicht reagiert, weil sie dachten, Russland würde nur die Krim einnehmen und danach aufhören. Aber Russland wird alles nehmen, was es haben kann.

Fühlen Sie sich von den westlichen Ländern und insbesondere Europa genügend unterstützt?

Ich weiß wirklich zu schätzen, dass unsere Flüchtlinge aufgenommen und gut behandelt werden und dass wir Hilfe aus der EU erhalten. Selbstverständlich wünschen wir uns mehr, unter anderem eine Flugverbotszone. Wir verstehen aber auch, dass das nicht so einfach ist. Ich glaube, die Europäer fangen langsam an zu begreifen, wozu Russland fähig ist. Mit der Zeit werden wir auch mehr Hilfe von Europa bekommen. Im Moment fühlen wir fühlen uns besonders von den USA, Polen und Großbritannien unterstützt.

Was hat Sie damals dazu bewegt, 2013 an der Maidan-Revolution teilzunehmen?

Obwohl es mir damals gut ging – ich hatte mein eigenes Unternehmen und bin sehr viel gereist – war ich ständig von diesem Gefühl der Ungerechtigkeit geplagt. Wissen Sie, es fehlt in postsowjetischen Gesellschaften an Gerechtigkeit. Menschen, die Berufe wie Lehrer ausüben, verdienen sehr wenig. Alte Leute, die früher als Soldat während des Zweiten Weltkrieges gedient haben, bekommen nur eine kleine Rente und leben in sehr armen Verhältnissen. Nur am 9. Mai, dem Tag des Sieges, werden sie geehrt. Ich versuchte, solchen Leuten zu helfen, spendete, fühlte mich jedoch sehr ohnmächtig. Ich fragte mich, ob wir je Wohlstand erreichen werden, wenn wir diese Menschen nicht korrekt behandeln können.

Als die Maidan-Revolution anfing, war ich gerade wegen einer Veranstaltung in der Türkei, und sah die Bilder im Flughafen von Istanbul. Ich weinte, weil ich so stolz auf mein Land war, und begriff, dass wir endlich etwas ändern könnten. Als ich danach nach Kiew zurückkehrte, fuhr ich sofort zum Maidan und verliebte mich in die Leute, in diesen Ort, in die Atmosphäre. Von diesem Moment an bin ich drei Monate lang regelmäßig hingefahren, um zu helfen. Am 18. Februar 2014, als die Polizei massenweise auf Demonstranten schoss, war ich zuhause. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, der Himmel war wie heute blau, der Frühling begann. Ich fuhr sofort hin um Medikamente zu bringen.

Wie stellen Sie sich die Zukunft ihres Landes vor?

Wunderschön, weil wir der Welt gezeigt haben, dass wir kein Teil von Russland sind. Wir sind keine Brüdervölker wie oft behauptet wird. In meiner Familie haben wir Russland immer gehasst und zu Hause ukrainisch gesprochen. Wir haben unsere eigene Kultur, unseren eigenen Geist und unsere eigene Sprache.

 


Das Interview führte Cécile Calla. 


Anna Gvozdiar, 31 Jahre alt, ist in der Region Winnyzja geboren und hat bis zu Beginn des Krieges in einer Kommunikationsagentur gearbeitet. 2014 nahm sie an der Maidan-Revolution teil und unterstützt seit 2014 als Freiwillige die ukrainische Armee. Sie hält sich in dem Haus ihrer Eltern auf und fährt regelmässig nach Kiew​​​​​​​.


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