Krieg bringt keiner Seite Gewinn

Ambivalent und vorsichtig: Armenien fürchtet ein Wiederaufflammen der Gewalt in Bergkarabach als Folge des Ukraine-Kriegs

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Von Ani Tovmasyan

25. März 2022

Es gibt sowohl in der Ukraine wie auch in Russland eine große armenische Diaspora. Viele Armenier haben Verwandte, die direkt von dem Konflikt betroffen sind. Hier in Armenien ist es fast unmöglich jemanden zu finden, der sich für die Lösung von Problemen durch Gewalt ausspricht. Wir haben im bewaffneten Konflikt in der Region Bergkarabach verheerendes menschliches Leid gesehen. Die Region ist zwischen Armenien und Aserbaidschan umstritten. Aus dem 44-tägigen Krieg im Jahr 2020 sind die armenischen Behörden sehr verwundbar hervorgegangen. Das ist der Hintergrund, vor dem die öffentliche Position beurteilt werden sollte.

Wirtschaftlich gesehen ist Armenien stark von Russland abhängig. Ein zusätzlicher Faktor sind die Überweisungen, die von den in Russland arbeitenden Armeniern nach Hause geschickt werden. Darüber hinaus ist es nur die russische Friedenstruppe, die die Sicherheit der Armenier in Bergkarabach garantiert. In Armenien wird befürchtet, dass ein jeglicher Ausgang des Krieges in der Ukraine negative Folgen haben und eine mögliche Eskalation in Bergkarabach auslösen wird. Daher haben die armenischen Behörden kaum Spielraum, die Gewalt in der Ukraine öffentlich zu verurteilen.

 

Die fortwährende Eskalation des Krieges in der Ukraine und Berichte über Kriegsgräuel verändern die öffentliche Meinung in Armenien

 

Ein Teil der armenischen Gesellschaft kritisiert nun die demokratischen Länder des Westens für ihre Ignoranz und Untätigkeit während des Krieges in Bergkarabach, der früher hätte beendet werden können. Es gab überdies unbedachte Äußerungen ukrainischer Beamter im Jahr 2020, die Aserbaidschan unterstützten. Das kam in Armenien sehr schlecht an. Dennoch gibt es jetzt auch Stimmen in Armenien, die das Vorgehen Russlands kritisieren. Sie unterstützen das Bestreben der Ukrainer nach einem unabhängigen Land, das seine geopolitischen und kulturellen Partner frei wählen kann. Die fortwährende Eskalation des Krieges in der Ukraine und Berichte über Kriegsgräuel verändern die öffentliche Meinung von Tag zu Tag und lassen Russland-kritische Stimmen lauter werden.

Die vorherrschende Einstellung in Armenien ist jedoch, dass Krieg keiner Seite Ruhm oder Gewinn bringt. Er bringt nur Zerstörung, den Verlust unschuldiger Leben und einen intensiven Schmerz, den auch viele Jahre nicht heilen können.

 


Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem CrossCulture Programm des ifa


Ani Tovmasyan aus Jerewan ist derzeit Doktorandin an der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Konfliktforschung und Global Public Policy. 


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