„Putin hasst unsere Kultur, weil wir frei sein wollen“

Der ukrainische Historiker und Holocaust-Forscher Anatolii Podolskyi im Gespräch

Kiew, Ukraine, 7. März 2022

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Herr Podolskyi, Sie sind in Kiew geblieben, wie ist die Lage aktuell?

Bis jetzt funktioniert alles noch: Wasser, Strom und Heizung. Sobald etwas zerstört wird, wird es innerhalb von ein bis zwei Stunden repariert. Die Menschen sind zwar sehr besorgt, aber es herrscht keine Panik. Es gibt eine große Solidarität, die Leute sind überzeugt, dass wir diesen Krieg gewinnen werden. Die Verhältnisse sind ganz anders als in anderen Städten, wie Charkiw, wo die Innenstadt fast komplett zerstört wurde und Zivilisten getötet wurden. Ich werde mit meiner Frau, meiner über 80 jährigen Schwiegermutter und meinem Hund hier bleiben. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Geburtsstadt mit Barrikaden und Panzerabwehrmauern sehen würde, so ähnlich wie 1941 bevor die Deutschen kamen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die russische Armee meine Stadt besetzen wird. Sollte es aber nötig sein, werde ich die Waffen nehmen, um mein Land zu verteidigen.

Wie erklären Sie sich als Historiker, dass Putin Begriffe wie „Genozid” und „Neonaziregierung” verwendet, um diese Agression zu rechtfertigen? Sehen Sie Parallelen zum Zweiten Weltkrieg?

Die Analogie mit dem Zweiten Weltkrieg ist völlig berechtigt. Putins Regime ist eine Diktatur. Er zerstört nicht nur militärische Infrastrukturen, sondern er zerstört Wohnviertel und tötet Zivilisten, Familien und Kinder. So wie Hitler die Juden hasste, hasst Putin die Ukrainer als ethnische Gruppe. Er hasst unsere Kultur und unsere Sprache, weil wir frei sein wollen. Er denkt, dass wir die Sowjetunion vermissen, und leugnet die Tatsache, dass die Ukraine ein multikulturelles Land ist: Russen, Polen, Ukrainer, Juden, Armenier und Aserbaidschaner leben in diesem Land mit der ukrainischen Staatsbürgerschaft. Und wie Stalin verbietet Wladimir Putin in Russland jegliche Forschung über den Holodomor. Diese Hungersnot wurde durch die sowjetische Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in den Jahren 1932 und 1933 verursacht und forderte insbesondere in der Ukraine Millionen von Toten.

Welchen Umgang gab es mit dieser tragischen Vergangenheit, also Holocaust und Holodomor, während der Sowjetzeit?

Es gab einen großen Widerspruch zwischen dem öffentlichen Gedenken und dem privaten Erinnern im Kreis der Familie. In der Öffentlichkeit war die Erinnerung an den Holocaust verboten. Dasselbe galt für den Holodomor. Diese Vergangenheit existierte nur innerhalb der Familien. Aber öffentlich hatte man Angst darüber zu sprechen. Wir mussten die sowjetische Perspektive übernehmen und über die Sowjetunion als heroisches Land sprechen, so als hätten nur die Sowjets gegen die Faschisten gekämpft. Die UdSSR schwieg über Holocaustopfer, über die stalinistischen Repressionen und über den Holodomor.

Ich kann mich noch gut an die Sowjetzeit erinnern. Meine Mutter hatte ihr Leben lang Angst, über Babyn Jar zu sprechen. Sie hatte auch Angst jiddisch zu sprechen. Mein Großvater, den ich noch gekannt habe, hat die UdSSR gehasst und ging in die einzige Synagoge, die noch geöffnet war. Vor mehr als hundert Jahren gab es sechzig Synagogen in Kiew. Die Kommunisten ließen sie alle noch vor dem Zweiten Weltkrieg schließen. Das ist die Atmosphäre, in der ich aufgewachsen bin. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde es möglich über Erinnerung, über die Geschichte des Holocaustes und der jüdischen Kultur zu forschen und sie zu unterrichten. Dank der Unabhängigkeit der Ukraine konnte ich mich mit der jüdischen Geschichte meiner Familie befassen. Auch das Ukrainische Zentrum für Holocaust-Studien, das ich heute leite, wäre in der Sowjetzeit unvorstellbar gewesen.

Und heute?

Diese beiden enormen Tragödien, der Holocaust und der Holodomor, sind heute Bestandteil der öffentlichen Erinnerung und der ukrainischen Identität. Es gibt zahlreiche Denkmäler dazu. In unserem Forschungszentrum, wo wir über die Geschichte der Genozide diskutieren, vergleichen wir diese beiden Ereignisse auch. Und wenn Sie sehen, wie Putin erklärt, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion die größte Tragödie des 20. Jahrhundert war, ist das für mich unglaublich. Er möchte ein Regime des Terrors zurückhaben.

Am 1. März 2022 fielen russischen Bomben auf das Gebiet von Babyn Jar, unweit der Holocaust-Gedenkstätte. Welche Bedeutung hat dieser Ort für die Stadt?

Das ist ein historischer Ort des Holocaustes in Europa. Ich wohne drei Kilometer von diesem Mahnmal entfernt. In diesem Tal haben die deutsche Polizei, SS-Leute und die Wehrmacht zwischen September 1941 und November 1943 100.000 Menschen erschossen, darunter 60.000 bis 70.000 Juden. Und Putin lässt Bomben auf dieses Gebiet fallen, die fünf Zivilisten töten. Wer ist denn hier derjenige, der einen Genozid unternimmt? Ich hoffe, dass Putin am Ende vor ein internationales Gericht gestellt wird.

Sehen Sie aufgrund der Geschichte eine besondere Verantwortung Deutschlands, an der Seite der Ukrainer zu stehen?

Deutschland steht für mich als das beste Beispiel von einer Vergangenheitsaufarbeitung, weil es sehr viel für die Erinnerung an die Holocaust-Opfer des Nazi-Regimes getan hat. Die deutschen Institutionen haben unsere Arbeit seit 10 Jahren sehr unterstützt. Zum Beispiel sind seit 2010 mehr als 20 Gedenkorte für ermordete Juden und Roma dank der finanziellen Unterstützung Deutschland entstanden. Außerdem gibt es eine sehr gute Kooperation zwischen unseren beiden Ländern in den Bereichen Bildung und Sammlung von Zeugenaussagen.

Was den aktuellen Konflikt betrifft, liegt die Verantwortung zu helfen nicht nur bei Deutschland, sondern bei allen westlichen Staaten. Die Ukrainer kämpfen für Menschenrechte, für Freiheit, das sind doch die Werte des Westens. Die Ukraine verteidigt heute Europa. Natürlich sehe ich, wieviel Hilfe aus Europa kommt. Aber jetzt brauchen wir unbedingt militärische Hilfe, wir brauchen eine Sperrung des Flugraums! Es sind ja nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten, die hier tagtäglich sterben.


Das Interview führte Cécile Calla. 


Anatolii Podolskyi ist Historiker. Er wurde in Kiew geboren und leitet das Ukrainische Zentrum für Holocaust-Studien. Diese NGO wurde 2002 gegründet und führt Forschung- und Bildungsprojekte über den Holocaust in der Ukraine durch. Podolskyi hält sich derzeit weiter in Kiew auf.


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