„Rumänien lebt in ständiger Angst vor Russland“

Rumänien steht der Ukraine ambivalent gegenüber. In der Abwehr gegen Russland jedoch sind sich Bevölkerung und Politik einig. Ein Gespräch mit der Politikwissenschaftlerin Alina Mungiu-Pippidi

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 17. Mai 2022

Frau Mungiu-Pippidi, wie sieht Rumänien die russische Invasion?

Obwohl sich die Rote Armee 1964 zurückgezogen hat, lebt Rumänien in ständiger Angst vor Russland. Viele von uns, auch ich, hatten Familienmitglieder, die nach Sibirien deportiert wurden. Das war einer der Gründe, warum die faschistische Regierung unter Marschall Ion Antonescu während des Zweiten Weltkrieges eine Allianz mit Nazideutschland schloss und an der Seite der Deutschen 1941 in die Sowjetunion einmarschierte. Wir wollten Moldawien, das zwischen den beiden Weltkriegen zu Rumänien gehört hatte, von der sowjetischen Bedrohung befreien. 

Für Rumänien ist Russland der Feind. Wir machen ihnen Moldawien wie auch das Gebiet um die Schlangeninsel im Schwarzen Meer streitig, wo viele Gasreserven liegen. Wir befürworten alles, was Russland brechen könnte. Rumänien setzt sich auch für den NATO-Beitritt der Ukraine und Georgiens ein.

Wir waren die ersten, die sich freiwillig für ein US-Raketensystem gemeldet haben, das Europa vor dem Iran schützen soll. Die Russen führen dieses seit 2016 betriebsbereite Raketenabwehrsystem immer ganz oben auf der Liste ihrer Beschwerden an und behaupten, dass es gegen sie gerichtet sei. Dieser Konflikt wird durch die Tatsache verschärft, dass Russland weiterhin Soldaten seiner 14. Armee in der moldawischen Separatistenregion Transnistrien stationiert hat, um jede Bewegung Moldawiens in Richtung Rumänien und Westen zu verhindern. 


 

„Die Rumänen haben sich sofort mit den Ukrainern identifiziert, obwohl wir einen gewissen Groll darüber hegen, wie die Rumänen in der Ukraine behandelt wurden“

 


Rumänien ist daher nach der russischen Invasion auf EU- und NATO-Ebene sehr schnell aktiv geworden, um der Ukraine zu helfen. Rumänien hat einen General als Premierminister, viele Medien werden de facto vom Geheimdienst oder der Armee gesponsert. Es geht hauptsächlich um Kriegspropaganda. Alles, was die USA tun, ist gut. Deutschland dagegen ist der große Beschwichtiger, der für Putin verantwortlich gemacht wird, und so weiter. In allen TV-Talkshows wimmelt es von Generälen, die den Krieg wie ein Fußballspiel kommentieren. Alle sind zuversichtlich, alle Vorbehalte gegenüber dem Krieg werden als russische Propaganda abgetan. Nur die Bevölkerung scheint mehr Angst vor dem Krieg zu haben als die Regierung.

Wie steht das Land zu einem Embargo für Öl- und Gas- und Waffenlieferungen an die Ukraine?

Im Jahr 2020 stammten 44% der rumänischen Gasimporte aus Russland. Wir versuchen nun mit aller Kraft, das russische Gas zu ersetzen. Wir haben die Gasförderung im Schwarzen Meer wieder aufgenommen. Ein großer Teil der Militärgüter, die in die Ukraine gehen, geht durch unser Land, und es gibt dafür auch eine klare Unterstützung. Allerdings reden wir nicht davon, Waffen zu schicken, sondern nur von Materialien und Hilfsgütern.

Wie werden die ukrainischen Flüchtlinge aufgenommen?

Die Rumänen haben sich sofort mit den Ukrainern identifiziert, obwohl wir einen gewissen Groll darüber hegen, wie die Rumänen in der Ukraine behandelt wurden. Jedes Mal, wenn in den vergangenen Jahren die orangene Partei an die Regierung kam, wurden die Sprachrechte der rumänischen Minderheit eingeschränkt. Dennoch eilten jetzt viele Menschen den Geflüchteten zu Hilfe. Millionen von Facebook-Seiten halfen dabei, die Nachfrage nach Wohnraum, Transportmöglichkeiten und Geld mit dem Angebot in Einklang zu bringen. Das Asylverfahren wurde für ukrainische Geflüchtete vereinfacht, aber nur sehr wenige stellen überhaupt einen Antrag. Von den über eine Million Ukrainern, die seit Ende Februar kamen, wollen weit weniger als zehn Prozent bleiben. Die meisten nutzten Rumänien nur als Transitland.

Welche Verbindungen gibt es zwischen Rumänien und der Ukraine?

Mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt wurden die rumänisch dominierten Gebiete Moldawien und Bukowina (die früher zu Österreich-Ungarn gehörten) an die UdSSR abgetreten. Die Bukowina fiel damals an die Sowjetrepublik Ukraine. Daher gibt es in der Ukraine noch immer eine beträchtliche rumänische Minderheit. Die über 400.000 ukrainischen Rumänen standen in den letzten Jahren eher auf der Gegenseite der Orangenen Revolution, da mehrere Regierungen in Kiew die Rechte der ethnischen Minderheiten beschnitten haben. Sogar Volodymyr Zelensky veröffentlichte im Januar eine Erklärung, die ziemlich nationalistisch war und in der er sich nicht gerade positiv über die Rumänen äußerte. In seiner Rede vor dem rumänischen Parlament in Bukarest im Frühjahr 2022 bereute er das.


Das Interview führte Cécile Calla. 


Alina Mungiu-Pippidi ist Professor of Democracy Studies an der Hertie School in Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Anti-Korruptionspolitik und Good Governance. Sie studierte Politikwissenschaft an der Harvard University, nachdem sie an der Alexandru Ioan Cuza University in Iaşi in Rumänien in Sozialpsychologie promoviert hatte.


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