„Wir leben alle in Blasen“

Interview mit Lizzie Doron

 

Wie gelingt Versöhnung? Die israelische Autorin Lizzie Doron versucht, die Kluft zwischen Israelis und Palästinensern zu überwinden 

 

Mai 2022

Frau Doron, Sie setzen sich dafür ein, die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern zu überwinden, mit Ihrem Schreiben und Ihrem Aktivismus. Wie kam es dazu? 

Ich machte aus meinem Feind einen Freund. Als ich Nadim, einen palästinensischen Drehbuchautor, kennenlernte, veränderte sich meine Haltung zur arabischen und palästinensischen Geschichte. Ich wurde Friedensaktivistin. 

Wie kann es gelingen, einen schwierigen Dialog zu beginnen? 

Ich habe einmal als Gastprofessorin in Bern ein Seminar gegeben und stellte meinen Studierenden eine Aufgabe zum Thema „Mauern einreißen“. Sie sollten mit Leuten reden, mit denen sie das für unmöglich hielten. Einer von ihnen sprach etwa mit seinem Vater, der im Gefängnis saß. Wir alle leben in Blasen, in denen alle gleich aussehen und einen ähnlichen sozialen und ökonomischen Background haben. Daher musst du zuerst die Mauern in deiner Umgebung einreißen, um mit jemandem sprechen zu können, die oder der anders ist als du. Als ich Nadim begegnete, hatte ich kein Verständnis für die andere Seite. Rückblickend war ich wie ein Kind, das mit einem anderen Kind eine Beziehung anfängt. 

Wie haben Sie dieses feindselige Gefühl in sich überwunden? 

Das kommt automatisch und ist ein wundervoller Moment. Man muss verstehen, dass man zu zweit etwas verändern kann, jenseits der Politik. Bevor ich Palästinenserinnen und Palästinenser kennenlernte, machte es mir nichts aus, sie sterben zu sehen. Nun aber sehe ich in ihnen meine Freunde. Soldaten in Israel müssen sich ein Narrativ zulegen, sich sagen, der Feind ist ein Monster, unmenschlich und primitiv. Denn wenn du jemanden kennst, ist es schwieriger, ihn zu töten, auch an der Front. 

 


Sagst du das Wort „Holocaust“ in Israel, sind die Menschen in einer Art Kapsel, sie können nicht frei denken und sprechen.


 

Ihre Mutter hat den Holocaust überlebt, in Ihren frühen Romanen beschäftigen Sie sich mit den Traumata ihrer Generation. Heute leben Sie zum Teil in Tel Aviv, zum Teil in Berlin. War es nicht schwierig, nach Deutschland zu kommen? 

Ich hatte sehr viel Wut auf Deutsche wegen des Holocaust. Aber dann klopfte der erste deutsche Verleger an meine Tür und fragte, ob er mein Buch übersetzen dürfte. Es entwickelte sich eine wundervolle Freundschaft, sie war der Zerstäuber meiner Wut. Eine meiner Freundinnen hat Träume, in denen sie eine Atombombe über Deutschland abwirft. Sie weigert sich, Deutsche kennenzulernen, und hält an ihrem Zorn fest. Verglichen mit ihr fühle ich mich sehr frei. 

Ist Cancel Culture ein Thema in Israel? 

Nicht wie in Deutschland. Wegen der religiösen Prägung der Gesellschaft gibt es viele Vorbehalte in Israel. Im Parlament sind viele Parteien vertreten, die sich auf die Bibel berufen. Wir leben eine problematische Mischung, man ist jüdisch und israelisch. Als Israeli bist du eher säkular, offen. Als Jüdin oder Jude fühlst du dich mehr den jüdischen Wurzeln und der Geschichte verbunden. Wir bauen noch an unserer Identität. 

Gibt es Wörter, die in Israel verboten sind? 

Im Moment darf man alles sagen – aber wenn ich im Gefängnis lande, lasse ich es Sie wissen (lacht). Ein Tabu bleibt der Holocaust, der mit nichts vergleichbar ist. Es gibt eine Redewendung im Hebräischen, in der Übersetzung reimt sie sich nicht: „Wenn es nicht der Holocaust ist, dann tut es nicht weh.“ Der Holocaust erscheint, als wäre er nicht von Menschen gemacht. Ich weise immer darauf hin, dass er sehr wohl eine Geschichte von Menschen ist, und dass er wieder passieren kann. Denn er basiert auf Hass, darauf, den anderen nicht zu kennen. Sagst du das Wort „Holocaust“ in Israel, sind die Menschen in einer Art Kapsel, sie können nicht frei denken und sprechen. Übrigens, zum ersten Mal vergleichen die Israelis jetzt Putin aber mit Hitler und sagen: Da ist er wieder. 


Das Interview führte Stephanie von Hayek.