Kritisch in Katar

von Anahi Ortiz-Prieto

 

Von der umstrittenen WM-Vergabe bis zu neuen Gasgeschäften mit Deutschland: Katar ist derzeit in aller Munde. Doch worüber wird in Katar gesprochen? Wie steht es um die Meinungsfreiheit – und um das Äußern kritischer Ansichten?

 

Mai 2022

Ob man in Katar Kritik üben kann? Das kommt darauf an, wie man Kritik definiert. Als Journalistin und Marketingexpertin lebe ich mit meiner Familie seit über einem Jahrzehnt im Emirat – und komme ursprünglich aus Venezuela. Was ich in Katar sehr schnell gelernt habe, ist, dass freie Meinungsäußerung etwas völlig anderes bedeutet als in Demokratien.

Dazu ein wenig Kontext: Von den 2,7 Millionen Einwohnern Katars gehören über 65 Prozent dem Islam an, Katar ist ein muslimischer Staat und eine formell konstitutionelle, de facto eher absolute Monarchie. Der Emir hält die exekutive Macht, ernennt den Premierminister und billigt alle Gesetze. Politische Parteien, Gremien und Gewerkschaften sind hier nicht zugelassen. Es gibt kein gesetzlich festgehaltenes Recht auf freie Meinungsäußerung. Und: Wir alle wissen, dass es gefährlich ist, Entscheidungen der Regierung öffentlich zu kritisieren. Man würde sofort auf der schwarzen Liste der Kriminalpolizei landen – darum hütet man sich davor.

All dies soll nicht heißen, dass es keinerlei gesellschaftliche Debatten gäbe. In den letzten Monaten wurde zum Beispiel viel über die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor diskutiert. Der Anlass waren gleich mehrere über das Internet verbreitete Videos, in denen Mitarbeiter des Lieferdiensts Talabat beleidigt und körperlich angegriffen wurden. Doch die allgemeine Empörung über die Übeltäter führte nicht zu politischen Forderungen nach Arbeitsrechten in Jobs mit geringem Verdienst.


 

„Natürlich wird auch über LGBTQ, Pro-Choice und Frauenrechte gesprochen – allerdings immer nur im Privaten“

 


In der westlichen Welt sieht das anders aus. Ob #MeToo oder #BlackLivesMatter: Meistens geht es darum, problematische Handlungen oder Aussagen Einzelner infrage zu stellen, über die Sozialen Medien Unterstützung einzufordern und daraus politische Konsequenzen abzuleiten. In Katar spielen die Sozialen Medien zwar auch eine große Rolle – beispielsweise in den Bereichen Lifestyle, Beauty oder Religion –, doch öffentliche politische Kritik am eigenen Land liest man dort kaum. Vieles, was in anderen Ländern offen diskutiert wird, fließt wegen der religiösen und kulturellen Prägung Katars kaum in die öffentliche Debatte ein. Natürlich wird auch über LGBTQ, Pro-Choice und Frauenrechte gesprochen – allerdings immer nur im Privaten.     

Worüber öffentlich leidenschaftlich debattiert wird, ist die Verteidigung der katarischen Identität und der Interessen der Nation. Ein Beispiel: In den Jahren 2017 bis 2021 kam es zu einer diplomatischen Krise im Nahen Osten, der sogenannten Katar-Krise. Saudi-Arabien und seine Verbündeten Ägypten, Bahrein und die Vereinigten Arabischen Emirate warfen Katar vor, terroristische Gruppen in der Region zu unterstützen, und blockierten das Land. Die Grenzen wurden geschlossen und diplomatische Beziehungen abgebrochen. Für mich war es sehr aufschlussreich, wie die katarische Bevölkerung reagierte: Viele veränderten ihr Kaufverhalten radikal, boykottierten ihrerseits alle Produkte der blockierenden Länder und entschieden sich stattdessen für lokale Alternativen. Ob öffentlich oder privat: Unweigerlich kam man in jeder Unterhaltung irgendwann auf die Krise zu sprechen. Ich erlebte sehr emotionale Reaktionen und hatte den Eindruck, dass sich viele auf das Kollektive besinnen wollten, auf ihren Nationalstolz, ihren Familienclan und ihre kulturelle Identität.


 

„Wann immer westliche Medien Katar im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft kritisieren, erzeugt das erst recht eine Rückbesinnung auf die nationale Identität“

 


Auch aktuell lässt sich eine ähnliche Dynamik beobachten: Dass Katar den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft 2022 erhalten hat, wird international kontrovers diskutiert. Doch während im Emirat alle durchaus wissen, dass es beispielsweise schlimme Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter gab, die die Stadien gebaut haben, spielt diese Kritik in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Es wird vielmehr betont, dass die Situation in vielen anderen Ländern ähnlich sei. Und wann immer westliche Medien Katar im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft kritisieren, erzeugt das erst recht eine Rückbesinnung auf katarische Werte und Ziele – und auf die nationale Identität.

Ich denke, es ist genau dieses starke Zugehörigkeitsgefühl, das es den meisten Kataris so schwer macht, ihre Regierung zu kritisieren oder politische Entscheidungen infrage zu stellen.